Im Schatten der Stiftskirche

Im Schatten der Stiftskirche

 

 

Unsere neue Kirche ist als gotisches Baudenkmal, als Memoria des pfalz-bayerischen Herrscherhauses Wittelsbach und als historische Stätte mit den Gräbern zweier Pfälzer Herrscher nebst ihren Gemahlinnen von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung. Darüber hat man schon viele Bücher und Aufsätze geschrieben, in denen all das mehr als erschöpfend abgehandelt wurde. Vieles an grundsätzlichen Fakten und Daten lässt sich unter dem folgenden link sogar online nachlesen:

 

http://de.wikipedia.org/wiki/Stiftskirche_(Neustadt_an_der_Weinstra%C3%9Fe)

 

  

 

Trotzdem macht all dies nur einen Teilbereich unserer Kirche aus, denn sie ist in erster Linie ein Haus Gottes, gebaut zu seiner Ehre und um darin das unblutige Opfer des Neuen Bundes darzubringen, ohne das die Welt nicht existieren kann. Der Stifter, Kurfürst Ruprecht I. – der im Grab mitten unter uns ruht, wenn wir dort zum Gottesdienst versammelt sind – formulierte dieses Anliegen sehr schön in seiner Stiftungsurkunde von 1356: Da in Kirchen, in denen eine größere Andacht geübt wird und die Gottesdienste deshalb öfter und feierlicher gehalten würden, der allmächtige Gott wirksamer versöhnt werden könne, sehe er sich veranlasst in Neustadt den Gottesdienst zu vermehren und feierlicher auszugestalten, zum Lobe des Allmächtigen Gottes, zu Ehren seiner Mutter Maria, sowie von allen Heiligen und zum Andenken an ihn und seine Familie. Diesen Stifterwunsch wollen wir auch fast 700 Jahre später beherzigen, er entspricht genau unserer Intention und lebt nun durch uns auf.

Die religiöse Dimension der Stiftskirche wurde bisher völlig vernachlässigt. In den einschlägigen Publikationen findet man kaum etwas darüber. Dennoch ist gerade jener Aspekt für uns der wichtigste. Es gibt nämlich sehr viel religiös Erbauliches über Personen und Ereignisse in und um die Stiftskirche zu berichten. Dies wollen wir hier einmal tun. In einzelnen Artikeln sollen nach und nach an dieser Stelle Personen oder Ereignisse vorgestellt werden, die im Zusammenhang mit der Stiftskirche und mit unserem Glauben stehen – ein Glaube, der sich durch die Jahrhunderte nicht änderte, der zur Zeit der Erbauung unseres Gotteshauses schon der selbe war wie heute und den wir zusammen mit den hier begrabenen Kurfürsten ohne Abstriche immer noch bekennen. Man wird dabei erstaunt feststellen – sie bauten damals ebenso am Reiche Gottes wie wir, ja ihre Vorarbeit und ihre Opfer waren förmlich providentiell und kommen unserem Anliegen heute unmittelbar zugute. Sie sollen uns Vorbild und Fürsprecher sein und bilden zusammen mit ihrem Umfeld und mit uns allen eine lebendige Gemeinde, über die Jahrhunderte hinweg, die ja ohnehin „vor Gott wie ein Tag“ sind. Das Band der einen, heiligen, katholischen und apostolischen Kirche, der wir alle angehören vereint uns als streitende Kirche im Diesseits, mit ihnen als Teilen der leidenden oder der triumphierenden Kirche im Jenseits; wir alle aber stehen gemeinsam vor Gott um ihm zu dienen und ihn anzubeten, hier oder dort.

 

Pfalzgraf Rudolf II. und Margarete von Sizilien-Aragon

 

 

Pfalzgraf Rudolf II., verfügte testamentarisch, die aus dem 13. Jahrhundert stammende Pfarrkirche St. Ägidius, seiner Residenz Neustadt an der Weinstraße, in eine Memoria – also eine Gebets- und Gedenkstätte – für sein Haus umzuwandeln und dort begraben zu werden. Nach seinem Tode am 4. Oktober 1353 bestattete man ihn wunschgemäß vor dem Altar der Neustadter Pfarrkirche.

 

  

 

Pfalzgraf Rudolf II. und seine Gemahlin Margarete von Sizilien-Aragon, Statuen in der Stiftskirche Neustadt.

  

1356 stiftetete der Nachfolger Ruprecht I., aufgrund des testamentarischen Willens seines Bruders Rudolf II., das Liebfrauen-Kollegiatstift Neustadt, als Memoria für die gemeinsame Familie. Er ließ die romanische St.-Ägidius-Kirche im gotischen Stil umbauen, vergrößern und mit einem prachtvollen Chor nach Osten hin erweitern. Der Chorbereich dieses neuen Gotteshauses – unser heutiger katholischer Kirchenteil – wurde laut einer Pfeilerinschrift 1368 begonnen. 

 

Der Hauptaltar rückte jetzt ein gutes Stück nach Osten und der Platz vor dem Altar der alten Kirche, wo Rudolf II. begraben worden war, lag nunmehr am Übergang vom Langhaus zum neuen Chorbereich, genau an der Stelle wo sich heute die Rückwand unseres katholischen Kirchenteils befindet. An dieser Stelle begrub man 1377 auch Rudolfs Witwe Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon, neben ihrem Gatten. Sie hatte den Neubau des Gotteshauses noch gesehen.

 

Margarete von Sizilien-Aragon erhielt einen prächtigen, gotischen Epitaph, einer der schönsten welcher sich in Südwestdeutschland erhalten hat. Der Grabstein befindet sich jetzt an der hinteren, nördlichen Wand unseres Kirchenbereiches, unter der Empore und zählt zu den ganz besonderen Sehenswürdigkeiten in Neustadt. Auch ihr Mann Rudolf II. besaß eine ähnlich kostbare Grabplatte, die aber nur noch stark beschädigt erhalten ist und an der Südwand unter der Empore, gegenüber dem Epitaph seiner Frau steht.

 

 

Epitaph von Pfalzgräfin Margarete, Stiftskirche Neustadt 

 

Die zugehörigen Gräber von Pfalzgraf Rudolf und Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon liegen ebenfalls im hinteren Bereich unseres Kirchenteils, etwa mittig, dort wo sich der Altar der Vorgängerkirche befand, sind jedoch zur Hälfte durch die  1707/1708 zwischen protestantischem Kirchenschiff und katholischem Chor errichteten Scheidemauer überbaut. 1906 waren sie geöffnet und die aufgefundenen Gebeine darin wiederbestattet worden. Sie sind mit neuzeitlichen Steinplatten überdeckt, aber nicht im Fußboden kenntlich gemacht.

 

 

Die geöffneten Gräber von Pfalzgraf Rudolf II. und Pfalzgräfin Margarete von Sizilien Aragon, 1906. Nur ein Teil ragt in unseren Kirchenteil hinein und sie sind von der Trennmauer überbaut. 

 

Mehr noch als Pfalzgraf Rudolf II., der die Idee zur Stiftsgründung hatte, ist seine Witwe Margarete von Sizilien-Aragon für uns von Bedeutung und es ist sicher kein Zufall sondern Gottes Fügung, dass gerade ihr Epitaph - als einziger von vielen dort vorhandenen - alle Zerstörungen unversehrt überstand. Die Kurfürstin war von großer Frömmigkeit und entstammte einem sehr religiösen Familienumfeld.

 

Margarete war die jüngste Tochter König Friedrichs II. von Sizilien-Aragon und dessen Ehefrau Eleonore, Tochter Karls II. von Anjou. Die Eltern von Prinzessin Margarete residierten in Palermo, wo sie deshalb vermutlich auch zur Welt kam. Ihr Urgroßvater Robert I. von Artois trug 1239 barfuss und in ein Büßerhemd gekleidet, mit seinem älteren Bruder, dem Heiligen König Ludwig von Frankreich, die neuerworbene Reliquie der Dornenkrone, in einer Prozession nach Notre Dame zu Paris. 1250 wurde er auf dem Sechsten Kreuzzug, zusammen mit etwa 280 Rittern, im Ägyptischen al-Mansura von Mameluken niedergemetzelt.

 

 

 

Oben die kostbar gefasste Dornenkrone, unten das Reliquiar in dem man sie aufbewahrt. Der Urgroßvater von Pfalzgräfin Margarete und ihr Urgroßonkel St. Ludwig trugen sie persönlich nach Notre Dame.

  

Die Pfalzgräfin war aber nicht nur die Urgroßnichte des Hl. Königs Ludwig, sondern auch die Nichte St. Ludwigs von Toulouse, dem Bruder ihrer Mutter. Ludwig von Toulouse (1274-1297) zählt zu den bekanntesten Heiligen in seinem Orden und hatte als Kronprinz, gegen den ausdrücklichen Willen des Vaters, auf sein Königreich verzichtet, um einfacher Franziskaner zu werden. Er gilt als Vorbild der Demut und des Verzichtes auf weltlichen Ruhm und Ehre.   

 

 

Der Heilige Ludwig von Toulouse, Onkel von Pfalzgräfin Margarete, die in unserer Kirche ruht. 

Im gleichen Verwandtschaftsgrad stand Pfalzgräfin Margarete auch zur portugiesischen Nationalheilgen Königin Isabella (1271-1336), welche die Schwester ihres Vaters war. St. Isabella führte am Königshof von Portugal einen heiligmäßigen Lebenswandel inmitten völliger sittlicher Entartung, verhinderte zwei mal einen Krieg im engsten Familienkreis, pflegte persönlich Kranke und wurde nach dem Tod ihres Mannes Franziskanerin. 

 

 

 Die Heilige Königin Isabella von Portugal, Tante von Pfalzgräfin Margarete, die in unserer Kirche ruht.

Der Urgroßvater von Pfalzgräfin Margarete war König Stephan V. von Ungarn (1240-1272). Dessen beide Schwestern sind kanonisierte Heilige, St. Margareta von Ungarn (1242-1270), die gegen den Willen ihres Vaters Dominikanerin wurde und ein Leben in demütiger Heiligkeit führte, sowie St. Kunigunde von Polen (1234-1292), die als polnisch-litauische Herzogin mit ihrem Mann sehr fromm lebte und als Witwe in ein Nonnenkloster eintrat.

Über den Urgroßvater Stephan V. von Ungarn ist unsere Pfalzgräfin Margarete aber auch direkt verwandt mit der Hl. Elisabeth von Thüringen (1207-1231) und mit der Hl. Hedwig von Andechs. König Stephan V. war St. Elisabeths Neffe (Sohn ihres Bruders) und der Großneffe der Hl. Hedwig (Enkel ihrer Schwester). 

 

                             

Die Heiligen Schwestern Margareta von Ungarn (links) und Kunigunde (Kinga) von Polen, Urgroßtanten von Pfalzgräfin Margarete

Halten wir also fest: Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon ruht in unserer Kirche und besitzt dort einen prächtigen Grabstein. Durch sie bekommt unsere Gemeinde eine ansehnliche Schar der mit ihr verwandten Heiligen zu Paten. St. Hedwig von Andechs und St. Elisabeth von Thüringen gehören als früheste dazu. Dann folgen der Hl. König Ludwig von Frankreich, die Heilige Margarete von Ungarn und die Hl. Kunigunde von Polen, deren Urgroßnichte Pfalzgräfin Margarete war. Die Reihe schließt mit ihren beiden direkten Verwandten, dem Onkel, St. Ludwig von Toulouse, Bruder ihrer Mutter und der Tante St. Isabella von Portugal, Schwester ihres Vaters. Möge durch die in unserer Mitte bestattete Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon der reiche Segen und die ganz besondere Fürsprache ihrer zahlreichen heiligen Verwandten auf uns herabgezogen werden. 

 

 Ruprecht I., Pfälzer Kurfürst  und Pfalzgraf bei Rhein (1309-1390)

 

Kurfürst Ruprecht I. mit dem Modell unserer Kirche, Statue in der Stiftskirche Neustadt 

 

Ruprecht ist für uns von großer Wichtigkeit, denn er rief unsere Neustadter Kirche ins Leben und ließ sie erbauen. Sein Grab und das seiner 2. Frau Beatrix befinden sich im Mittelgang unseres Kirchenteiles, durch neuzeitliche Bronzeinschriften kenntlich gemacht. Die beiden alten Grabplatten hat man zur Schonung aus dem Boden genommen und sie aufrecht stehend an der Rückwand, unter der Empore platziert.

        

Kurfürst Ruprecht erwarb als erster Fürst die Pfälzer Kurwürde, er ist geschichtlich und religiös gleichermaßen bedeutend. Die „Allgemeine Deutsche Biografie“, ein bekanntes Standardwerk schreibt über ihn: „Schon bei seinen Zeitgenossen stand Rupprecht I. in hohem Ansehen, er war auch äußerlich eine Achtung gebietende Gestalt, eine ritterliche Erscheinung. Bei rücksichtsloser Tatkraft galt er als milder, wohlwollender Herr, als ein Schirmherr der Kirche und der Priesterschaft, als ein Freund der Witwen und Waisen. Die Judenschaft, verehrte in ihm einen gerechten, humanen Beschützer". (Jakob Wille in: Allgemeine Deutsche Biographie, 1889, Band 29, S. 731–737)

 

Seine Eltern waren Rudolf I., Herzog von Oberbayern und Pfalzgraf bei Rhein, sowie dessen Ehefrau Mechthild von Nassau, Tochter des Königs Adolf von Nassau, der 1298 bei Verteidigung seiner Königsrechte in Göllheim fiel und im Speyerer Dom ruht. Über seinen Vater stammte Ruprecht aber auch direkt von Rudolf von Habsburg ab, dem Begründer der gleichnamigen Dynastie, welcher sein Urgroßvater war und ebenfalls im Dom zu Speyer bestattet ist. Letzterer gilt auch als „Eucharistischer Fürst“ da er einmal einem Priester mit dem Heiligen Sakrament sein Pferd lieh und anschließend die Rücknahme des Tieres verweigerte, nachdem es Gott selbst getragen habe und zu keinen weltlichen Dingen mehr dienen dürfe. Friedrich Schiller hat diese berühmte Geschichte in seinem Gedicht „Der Graf von Habsburg“ verarbeitet.

 

 

 

 

Kurfürst Ruprechts Urgroßvater Rudolf von Habsburg überlässt einem Priester sein eigenes Pferd, damit er das Hl. Sakrament zu einem Sterbenden bringen kann.

 

Ruprechts Vater starb 1319, als der Sohn erst 10 Jahre zählte. Nach dem Tod stand er mit seiner Mutter und seinen Brüdern Adolf und Rudolf II. unter der Vormundschaft des Grafen Johann von Nassau. Sein Onkel Ludwig der Bayer nahm die Rheinpfalz mit Waffengewalt in Besitz, der Krieg endete im August 1322. Im Hausvertrag von Pavia erreichten Ruprecht und sein Bruder Rudolf II. 1329 bei ihrem Onkel Ludwig dem Bayern, dass die Pfalz ein eigenständiges Fürstentum wurde. Zunächst regierten beide das Territorium gemeinsam mit ihrem Neffen Ruprecht II. (Sohn des schon verstorbenen Bruders Adolf) und nahmen die Aufgabe der Kur (Königswahl) abwechselnd wahr; 1338 teilten sie ihr Fürstentum auf.

 

Ruprecht erbte 1353 nach dem Tod seines Bruders Rudolf II. dessen Besitz und wurde alleiniger Pfalzgraf bei Rhein. Rudolf hatte bestimmt, in der Neustadter Pfarrkirche St. Ägidius begraben zu werden und seinen Bruder Ruprecht gebeten, daraus eine Familiengrabstätte bzw. ein Familienstift zu machen - unsere Kirche, die er der Muttergottes weihte. Durch die Goldene Bulle wurde der Pfalz 1356 das generelle Recht zur Wahl des Römisch-Deutschen Königs verliehen, genannt „Kur“, woher der Name Kurpfalz und die Bezeichnung Kurfürst kommen. Ruprecht war der erste pfälzische Kurfürst und konnte sein  Territorium durch geschickte Verträge, Bündnisse und Käufe erheblich erweitern.

 

 

 

Kurpfälzer Wappen aus der Stiftskirche Neustadt 

  

Ohne eine höhere Schule besucht zu haben, war Kurfürst Ruprecht dennoch gebildet und religiös stark interessiert. Der Historiker Ludwig Häusser bemerkte: „Bei Ruprecht ward ohnedies jedes Schulwissen durch ein großes praktisches Talent überwogen und durch einen offnen Sinn für alles Geistige ersetzt.“ So ließ er sich als kostbare Pergamenthandschriften die Weltchronik des Rudolf von Ems und eine Lebensbeschreibung der Hl. Elisabeth fertigen. Für ihn und seine erste Gattin Elisabeth von Namur wurden auch speziell 62 Predigten des berühmten Franziskaners Berthold von Regensburg aufgezeichnet. Unserem Stift in Neustadt legte er persönlich die Stundengebete für die Tag- und Nachtzeiten fest und bezeichnete in der Gründungsurkunde 1356, als seine Motivation neben dem vordergründigen Zweck der Grablege und Memoria, die Sorge um einen möglichst feierlichen, häufigen und gottgefälligen Gottesdienst in Neustadt. Kurfürst Ruprecht I. pilgerte über lange Jahre hinweg auch stets am Patroziniumstag ins Kloster auf dem Heidelberger Allerheiligenberg, um dort seine Spenden darzubringen. Er hatte einen jüdischen Leibarzt namens Gottlieb, den er sehr schätzte, wie er überhaupt den Juden in seinem Land Schutz bei Verfolgung bot und sie bereitwillig aufnahm.

 

  

 

Siegel der von Kurfürst Ruprecht I. gegründeten Universität Heidelberg, 1386. Rechts kniet unser Kirchenstifter und bringt dem Hl. Petrus das Pfälzer Wappen dar.

  

Am 1. Oktober 1386 gründete Ruprecht I. die nach ihm benannte Universität Heidelberg; sie ist heute die älteste Universität Deutschlands. Hauptursache für ihre Gründung durch den kirchlich engagierten Kurfürsten war das Abendländische Schisma von 1378, als nach dem Tode des von Avignon nach Rom zurückgekehrten Papstes Gregor XI., hauptsächlich französische Kardinäle dessen römischen Nachfolger Urban VI. bekämpften und in der Person von Clemens VII. einen  Frankreich genehmen Gegenpapst wählten.  Daher standen jenes Land und die von Deutschen stark frequentierte Pariser Sorbonne Universität auf  Seiten des Avignoner Papstes, während die Kurpfalz nachdrücklich den römischen Papst unterstützte und Anhänger der Gegenpartei nicht zu geistlichen Ämtern zuließ. Zwar befand sich auch die Universität Prag auf Seiten Roms, doch war man mit dem dortigen Lehrstoff unzufrieden; außerdem wollte man den Studenten aus dem Westen des Reiches den weiten Weg und den kostspieligen Aufenthalt ersparen. In dieser Lage entschloß sich Kurfürst Ruprecht I., unterstützt von dem gelehrten Geistlichen Marsilius von Inghen, welcher die gleichen Positionen vertrat, zur Gründung einer Pfälzischen Universität in Heidelberg. Am 18. Oktober 1386 eröffnete die Hochschule mit einer feierlichen Messe, Tags darauf begannen die Vorlesungen. Das erhaltene Universitätssiegel aus jenem Jahr – welches die Heidelberger Universität bis heute als Logo führt – gibt Ursache und Programm der Gründung bildhaft wieder: In der Mitte sitzt der Hl. Petrus, einen mächtigen Schlüssel haltend, als Symbol des Papsttums auf einem Thron. Kurfürst Ruprecht I., mit Bart, kniet rechts daneben und hält ihm das Pfälzer Wappenschild mit dem Löwen huldigend entgegen. Links vom Apostelfürsten kniet der Mitregent und kurfürstliche Nachfolger Ruprecht II., der Petrus in gleicher Weise das Bayerische Rautenwappen darbringt. Dieses Siegel wirkt wie ein Glaubensbekenntnis des Kurfürsten und eine Mahnung über die Jahrhunderte hinweg, allzeit ebenso treu zum Hl. Petrus und zu seinem Nachfolger zu stehen, wie er es tat.

 

Kurfürst Ruprecht I. heiratete 1350 die Gräfin Elisabeth von Namur (1330-1382).  Sie war eine außergewöhnlich fromme Frau und wir werden noch an gesonderter Stelle von ihr berichten. Mit Elisabeth von Namur war der Fürst 32 Jahre lang verheiratet. Sie hatte eine starke Zuneigung zum Franziskanerorden und auch Kurfürst Ruprecht gehörte dem 3. Orden des Hl. Franziskus an. In zweiter Ehe vermählte sich Ruprecht 1385, drei Jahre nach dem Tod seiner Frau, mit Prinzessin  Beatrix von Berg, die ihn um 5 Jahre überlebte. Beide Ehen blieben kinderlos und die Rheinpfalz fiel an den Neffen Ruprecht II., der schon als Mitregent auf dem Universitätssiegel abgebildet ist.

 

     

 

           Kurfürst Ruprecht mit seinen beiden Frauen; mittig Elisabeth von Namur, rechts Beatrix von Berg, die neben ihm in der Stiftskirche ruht.

 

Ruprecht bestimmte am 2. Februar 1382, dass man sein Gedächtnis in der Stiftskirche zu Neustadt andächtig begehe, mit Messen und Vigilien zu jeder Fronfasten“. Er widmete eine größere Summe, um an jenen Tagen die armen Leute zu speisen und gab zu einem rechten Seelgeräth alle seine goldenen und silbernen Gefässe, wie sie immer heißen und sein mögen, die er bereits hat oder noch gewinnen wird, für zwei ewige Messen und Vicarien in dem neuen Chore seines Stiftes. Mit geradezu kindlicher Frömmigkeit legte der Kurfürst in seinem Testament nochmals seine Beweggründe zur Kirchenstiftung in Neustadt dar und bekräftigt die von ihm gemachten Schenkungen: „Da der menschlichen Kreatur ein unsicheres und krankes Wesen auf diesem Erdreich verliehen ist und die Natur wegen des Menschen Schwachheit mehr geneigt ist zum Falle und täglich Sünden zu begehen, als Gottes Gebote zu halten und der Mensch deswegen allzeit der Barmherzigkeit und Gnaden des Allmächtigen bedarf und er um diese zu erwerben würdiger und biederer Fürsprecher nötig hat, so haben wir mit Andacht unseres Herzens bedacht und meinen im guten einfältigen Glauben, wenn wir mit Zierung der Gotteshäuser ihm und seinen Heiligen Ehre und Würde dieser vergänglichen Welt widmen, dass wir dann dieselben auch zu würdigen Fürbitter bei Gott gewinnen mögen. Deswegen nun haben wir zur Ehre des allmächtigen Gottes und seiner Heiligen unserem Stift zu Neustadt, das wir zu Ehren Unserer Lieben Frau, der Heiligen Maria stifteten, bauten und begabten, die nachgeschriebenen Heiligtümer gegeben...“  

 

Wunschgemäß wurde Kurfürst Ruprecht – später auch seine 2. Frau Beatrix von Berg – 1390 im Chor unserer Stiftskirche begraben. Beide Gräber sind, wie eingangs erwähnt, noch erhalten. Bei der Graböffnung 1906 fand man Ruprechts Grab als einen aus Sandstein gemauerten Schacht vor, in dem der aus einem einzigen ausgehöhlten Eichenstamm bestehende Sarg stand. Darin lagen die Gebeine des Kurfürsten und Reste der Franziskanischen Ordenstracht, in der er sich als Angehöriger des 3. Ordens hatte bestatten lassen. 

 

So liegt er noch immer mitten unter uns in seinem Grab und erwartet die Auferstehung. Sicherlich freut er sich in der Ewigkeit darüber, daß nun die von ihm gewünschten, feierlichen Gottesdienste in seiner Kirche wieder anheben. Wir wollen für seine Seele bei unseren Messen beten, wenn er aber sein Ziel bereits erreicht hat, möge er für uns ein Fürsprecher am Throne Gottes sein.

 

  Elisabeth von Namur, Kurfürstin und erste Ehefrau des Kirchengründers Ruprecht I. (1330-1382)

 

Elisabeth von Namur liegt zwar nicht in unserer Kirche begraben, sie ist jedoch quasi ihre Mitstifterin und es besteht hier eine ewige Messe für Sie, welche wir im Rahmen unserer Wittelsbachergottesdienste aufleben lassen wollen.

 

Sie kam von weit her, aus Namur in Belgien, und stammte über beide Eltern vom französischen Königshaus der Kapetinger ab. Ihre Eltern waren Graf Johann I. von Flandern und Namur, aus dem Hause Dampierre und Gräfin Marie von Artois, die Urgroßnichte des Heiligen König Ludwig IX. von Frankreich. Um 1350 ehelichte Elisabeth von Namur den Wittelsbacher Pfalzgrafen und späteren Kurfürsten (1356) Ruprecht I., den Stifter unserer Kirche, mit dem sie über 30 Jahre verheiratet war.

 

 

 

Kurfürst Ruprecht und seine Gattin Kurfürstin Elisabeth von Namur beobachten den Bau der Neustadter Stiftskirche  

 

Elisabeth war von tiefer Frömmigkeit und besonders dem Franziskanerorden zugetan. 1370 wurden für das Herrscherpaar 62 Predigten des berühmten Franziskaners Berthold von Regensburg aufgezeichnet und man fertigte überdies für sie eine kostbare Pergamenthandschrift mit der Lebensbeschreibung der Hl. Elisabeth, der Namenspatronin der Kurfürstin. Diese wirkte als tatkräftige Wohltäterin des Heidelberger Franziskanerklosters, das sie um 1375 reich beschenkte und vergrößerte. Die Affinität zu den Franziskanern rührte vermutlich von ihrem Großonkel St. Ludwig von Toulouse (1374-1297) her; er war der Cousin des Großvaters von Kurfürstin Elisabeth.  

 

Besondere Erwähnung gebührt Elisabeths Testament, welches noch nach über 600 Jahren Zeugnis von ihrem lebendigen Glauben und ihrer aufrichtigen Demut gibt. Dort verfügte die Herrscherin zwei Monate vor ihrem Tod, dass sie in der von ihr so geliebten Franziskanerkirche zu Heidelberg beigesetzt werden wolle und zwar „vor dem Fronaltar“, also dem Sakramentsaltar. Neben reichlichen Stiftungen für wohltätige Zwecke, für Arme, Kranke, Geistliche und diverse Klostergemeinschaften, wünschte sie als Zeichen ihrer dauerhaften, über den Tod hinausreichenden Anbetung des Altarsakraments, ein zusätzliches Ewiges Licht über ihrem Grab, „vor unsres Herrn Leichnam“, also vor dem Tabernakel. Nathalie Kruppa schließt daraus in ihrem Werk „Adelige, Stifter, Mönche“ (2007)  auf eine ausgeprägte eucharistische Frömmigkeit der Fürstin. Weiter heißt es dort, Elisabeths Testamentsanordnungen fügten sich „zum Bild eines bewusst an den religiösen Vorstellungen der Franziskaner ausgerichteten und im dauerhaften Gedächtnis diesen Idealen verpflichteten Begräbnisses...“ Besonders rührend bedenkt Elisabeth von Namur im Testament auch all ihre Diener mit Zuwendungen nicht geringen Umfangs, ein für die damalige Zeit sicher außergewöhnliches Verhalten. Offenbar ängstlich bedacht niemanden bei ihren Wohltaten zu vergessen, führte sie in fast familiärem Ton eine lange Litanei der Begünstigten auf, wie etwa: „20 Gulden der alten Else, 10 Gulden klein Gredeln, 10 Gulden Heintzel dem Kammerknaben, 20 Gulden Hensel dem Wagenknecht...“

 

 

 

Eine solche Ewiglichtampel wünschte sich Kurfürstin Elisabeth über ihrem Grab vor dem Tabernakel, als Zeichen ewiger Anbetung 

 

Nicht vergessen sein soll auch ihre testamentarisch gemachte Zuwendung in Höhe von 200 Gulden an die Stiftskirche zu Neustadt und eine weitere an die dortige Gebetsbruderschaft.

 

Die Heidelberger Franziskanerkirche mit dem Grab der Herrscherin wurde im Mai 1693 von den Franzosen niedergebrannt, später notdürftig renoviert, aber 1805 endgültig abgerissen. Ihre Ruhestätte ist verschollen und ihre Gebeine sind zerstreut. Umso freudiger wollen wir – auch in ihrem Namen – in der Stiftskirche Neustadt das Ewige Licht vor dem Tabernakel entzünden und den eucharistischen Heiland dadurch ehren, ganz nach dem Wunsch von Kurfürstin Elisabeth

 

  

Die Heilige Hedwig von Anjou (1373-1399)

 

 

Kurfürst Ruprecht I., unser Stiftsgründer, stattete seine Lieblingskirche in Neustadt mit einem reichen Reliquienschatz aus, der an besonderen Tagen gezeigt und auf einer Empore ausgestellt wurde, unter der die Gläubigen hindurch pilgern konnten, um den Reliquien besonders nahe zu sein, bzw. sie besser verehren zu können.     

 

 

König Ludwig der Große von Ungarn, aus dem Hause Anjou (1326-1382); Cousin 2. Grades von Kurfürst Ruprecht I., Wohltäter der Neustadter Stiftskirche und Vater der Hl. Hedwig von Anjou 

 

Einige der kostbarsten dieser Heiltümer hatten König Ludwig der Große von Ungarn und seine Ehefrau, Königin Elisabeth von Ungarn, dem Neustadter Stift geschenkt. Ein altes Verzeichnis im Landesarchiv Karlsruhe führt folgende auf:    

 

1. "In einer goldenen Kapsel, die mit 5 Saphiren und großen Perlen geschmückt, ist ein großes Kreuz enthalten, das aus dem Holz des Heiligen Kreuzes besteht, an dem Christus litt und starb. Dieses gab dem Gründer des Stifts, sein Blutsverwandter König Ludwig von Ungarn."

 

 

Ähnlich wie diese Kreuzreliquie im Dom zu Limburg dürfte auch die von König Ludwig nach Neustadt geschenkte ausgesehen haben.

 

2. "Eine silberne und vergoldete Monstranz, sieben Handbreit hoch, enthielt einen Teil des Tischtuchs vom Abendmahl unseres Herren Jesus Christus. Der oben genannte König Ludwig von Ungarn gab dieses Heiltum dem Gründer des Stifts."

 

3. "Item, die Gemahlin des Königs Ludwig, Domina Elisabeth, Königin von Ungarn, sandte eine andere, vergoldete Monstranz, die am Gipfel einen Edelstein trug. Darin war ein Stückchen vom Mantel der seligsten Jungfrau enthalten, den sie trug, als sie unter dem Kreuz stand und dabei mit dem Blute des Sohnes Gottes bespritzt wurde. Ebenso legte die Königin ein Teilchen von dem Oberkleid der seligen Mutter Maria hinein, das letztere zur Zeit der Geburt Christi trug. In einem goldenen Ring war ein Zahn des Hl. Märtyrers Hippolith gefasst."

 

4. "Der oben erwähnte König Ludwig von Ungarn gab auch ein besonderes Heiltum, nämlich ein Stücklein des Schwammes, mit dem der Herr Jesus Christus am Kreuze getränkt wurde.“

 

Im alten Seelbuch des Marienstifts Neustadt heißt es, dass dort  für den Freund und „lieben Oheim“ von Kurfürst Ruprecht, König Ludwig von Ungarn, sowie für seine Frau Elisabeth ein ewiges Jahrgedächtnis gestiftet sei, wegen der vielen und guten Reliquien, die beide der Kirche geschenkt hätten.

 

König Ludwig der Große von Ungarn (aus dem Hause Anjou) und unser Kirchenstifter Kurfürst Ruprecht I. waren in der Tat verwandt, wie es die historischen Dokumente ausdrücklich hervorheben, denn sie hatten beide Rudolf von Habsburg, den frommen Gründer des Habsburgergeschlechtes, als Urgroßvater; waren also Cousins 2. Grades.

 

Besonders interessant ist die Verwandtschaft zwischen Kurfürst Ruprecht und König Ludwig dem Großen von Ungarn bzw. die besondere Verbindung des ungarischen Königspaares zum Neustadter Stift deshalb, weil es die Eltern der Heiligen Hedwig von Anjou (1373-1399) sind.

 

 

Die Hl. Hedwig von Anjou, Königin von Polen und Verwandte von Kurfürst Ruprecht I.

Ihre Eltern waren besondere Wohltäter der Stiftskirche Neustadt, weshalb dort für sie ein ewiges Meßgedenken besteht.   

 

Die Heilige Hedwig, unter dem Namen » Król Jadwiga« geradezu DIE polnische Nationalheilige, war die jüngste Tochter ihrer Eltern und verlobt mit dem österreichischen Erzherzog Wilhelm dem Freundlichen; beide liebten sich sehr. Hedwig musste jedoch die Thronfolge in Polen antreten und ihre Eltern bzw. die polnischen Magnaten verlangten von ihr eine Ehe mit dem wesentlich älteren, litauischen Fürsten Władysław II. Jagiełło, Stammvater des Jagiellonengeschlechtes. Die erst 14-jährige Königin Hedwig sträubte sich heftig, ihren geliebten Bräutigam aufzugeben, fügte sich aber schließlich und ehelichte den litauischen Großfürsten 1386. Der Verlobte, Erzherzog Wilhelm, wollte sie vorher gewaltsam befreien und wäre bei diesem Abenteuer beinahe zu Tode gekommen. Er litt aber zeitlebens sehr unter den tragischen Vorgängen und blieb ledig, bis Hedwig gestorben war; erst danach verheiratete er sich.

 

 

 

Hl. Königin Hedwig bitte für unsere Gemeinde in der Stiftskirche Neustadt, die Deine Eltern so reich beschenkt haben.  

 

Bei der Hochzeit mit der Hl. Hedwig ließ Władysław II. Jagiełło sich taufen und das litauische Kernland nahm das Christentum an. Durch diese Heirat wurde Litauen mit der polnischen Krone vereinigt und beide Länder zur Großmacht und zum Bollwerk des Katholizismus im östlichen Europa. Die Hl. Hedwig hatte dafür mit dem Opfer ihres persönlichen Glückes bezahlt, wurde aber stattdessen zum Segen des Landes und zur liebevollen Mutter aller ihrer Untertanen, welche sie liebten und verehrten. Die Königin galt als außergewöhnlich schön, beherrschte mehrere Sprachen, war musikalisch begabt und für ihre Zeit sehr gebildet. Da sie Alte und Kranke selbst pflegte, sehr wohltätig war und ein inniges Gebetsleben führte, betrachtete sie das Volk als Nationalheldin bzw. -heilige. Es werden viele Wunder aus ihrem Leben berichtet, noch zahlreicher sind die Gebetserhörungen aus späterer Zeit. Ähnlich wie bei ihrer Zeitgenossin Jeanne d’Arc, wo sich die Kanonisation über Jahrhunderte hinzog, war es auch bei Hedwig von Anjou. Ihr Grab in der Wawel-Kathedrale zu Krakau wurde von Anfang an zur stark frequentierten Pilgerstätte, die offizielle Heiligsprechung erfolgte jedoch erst 1997.

 

Die Hl. Königin Hedwig auf ihrem Sarkophag in der Wawel-Kathedrale zu Krakau.

Die katholische Kirche ist völkerverbindend und nationenübergreifend, alle Nationalitäten sind in ihr zu Hause. Möge die polnisch-ungarische Heilige und Königin Hedwig von Anjou  -  die so einen engen Bezug zu unserer Stiftskirche hat, verwandt ist mit den Wittelsbachern und abstammt von dem im Speyerer Dom ruhenden Rudolf von Habsburg  -  in Neustadt auch viele fromme Katholiken aus den Gebieten des Ostens zu uns führen. Die kostbaren Reliquien, die Hedwigs Eltern unserer Kirche stifteten, sind seit der Reformationszeit verschollen. Kostbarer als alle verschwundenen Reliquien ist uns aber die Fürsprache der großen Heiligen, die sie uns stattdessen sicher gewähren wird. Wir wollen die Monarchin, die ihr irdisches Glück um höherer Güter willen opferte, daher besonders verehren und um ihre Fürbitte anrufen.  

 

Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz (1378-1436)

 

Ludwig III. war der Urgroßneffe unseres kinderlosen Kirchengründers Ruprecht I. von der Pfalz. Zu seiner Zeit war die Hauptstadt der Kurpfalz bereits in Heidelberg angesiedelt und die dortige Heiliggeistkirche wurde wichtiger als die Stiftskirche Neustadt. Dennoch ist Kurfürst Ludwig III. für unsere Kirche sehr bedeutend, da seine 1. Frau dort ruht und er ihre Grabstätte mit einem großartigen Bild des Jüngsten Gerichtes schmücken ließ.

 

Ludwig III. kam als Sohn der frommen Regenten Ruprecht III. von der Pfalz (als Ruprecht I. auch deutscher König) und Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg zur Welt. Schon während der Herrschaft seines Vaters als deutscher König und Pfälzer Kurfürst zog man Ludwig zu Regierungsaufgaben heran. So amtierte er 1401-1402 als Reichsvikar beim Italienzug des Vaters.

 

 

                          

 

  Ludwig III. und seine 1. Gemahlin Blanca von England, Christus anbetend, in der Stiftskirche Neustadt.

 

Mit 24 Jahren heiratete Ludwig III. Prinzessin Blanca von England. Die Hochzeit fand am 6. Juli 1402 im Dom zu Köln statt und die Ehe soll sehr glücklich gewesen sein. Vier Jahre später gebar Blanca einen Sohn, Ruprecht den Engländer (1406−1426), den der Vater zum Kronprinzen erzog. Die englische Gattin hatte als Mitgift auch die sogenannte „Pfälzer- oder Böhmische Krone“ in den Wittelsbacher Familienbesitz eingebracht. Sie befindet sich noch heute in der Schatzkammer der Königlichen Residenz zu München. 

 

 

 

Schatzkammer der Residenz München; die sogenannte "Pfälzer Krone" aus der Mitgift der in unserer Kirche begrabenen Pfalzgräfin Blanca von England. 

 

Im Jahre 1409 starb die neuerlich schwangere Pfalzgräfin Blanca an Fieber zu Hagenau/Elsass. In feierlichem Zug überführte man die Leiche nach Neustadt und setzte sie in der Stiftskirche bei. Ihr Mann berichtete seinem Schwiegervater in einem von dort am 4. Juni 1409 datierten Brief, dass Blanca im Mai, während eines gemeinsamen Aufenthalts mit ihm in Hagenau, von Fieberschüben befallen wurde, was umso bedenklicher gewesen sei, als sie im sechsten Monat schwanger war. Nachdem der Anfall sich gelegt hatte und man schon auf völlige Genesung der Kranken hoffte, sei ein dauerhaftes Fieber eingetreten, welches seine zarte junge Frau so stark mitnahm, dass man täglich mit ihrem Ableben rechnete. Es stellten sich auch zahlreiche Ohnmachten und Nasenbluten ein, welch letztere die Ärzte zwar mit Gottes Hilfe hätten stillen können; man erteilte der Prinzessin aber trotzdem die Sterbesakramente. So „ist an dem unseligsten 22. Mai, im Morgengrauen, meine Gemahlin von dieser schlechten Welt in eine bessere eingegangen“, wie es Ludwig III. selbst formulierte. Am folgenden Tage habe in Neustadt die feierliche Beisetzung stattgefunden. Das Grab ist noch vorhanden und befindet sich nördlich der Ruhestätte Ruprechts I. unter dem Kirchenboden. Es stehen Kirchenbänke darauf und man kann es oberflächlich nicht erkennen.   

 

Ludwig litt sehr unter dem Verlust seiner geliebten Frau und ging erst nach acht Jahren wieder eine Ehe ein. Nach dem Tod seines Vaters teilte man dessen Staat unter den vier Söhnen auf, Ludwig folgte mit Datum vom 3. Oktober 1410 als Haupterbe in der Kurpfalz und Nachfolger in der Kurwürde. Die Eltern wurden 1410 bzw. 1411 in der Heidelberger Heiliggeistkirche beigesetzt. Kurfürst Ludwigs Frau Blanca war sein einziges nahes Familienmitglied, das in Neustadt ruhte. Dennoch entschloss sich der Witwer, die Grabeskirche seiner Frau mit einem großartigen „Jüngsten Gericht“ ausmalen zu lassen. Neben Engeln, der Muttergottes, Johannes dem Täufer, einem Seligen und einem Verdammten, sind dort vier Wittelsbacher Fürstlichkeiten mit ihren Wappen dargestellt, die Christus kniend anbeten. Es handelt sich um Kurfürst Ludwig III. selbst, sowie seine verstorbene Gattin Blanca von England, außerdem um seine verstorbenen Eltern Ruprecht III. von der Pfalz und Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg. Die immens wertvollen Bilder, vom Beginn des 15. Jahrhunderts, hatte man in der Reformationszeit übertüncht und sie wurden erst Ende des 19. Jahrhunderts wieder freigelegt.

 

 

 

Das von Kurfürst Ludwig III. gestiftete "Jüngste Gericht" über dem Hochaltar unserer  Kirche.

 

Kurfürst Ludwig war hochgebildet und religiös sehr engagiert. Er reformierte mit einem speziellen päpstlichen Privileg persönlich die Klöster in seinem Herrschaftsbereich; an der Universität Heidelberg förderte er die Fächer der theologischen, philosophischen und juristischen Fakultät und sorgte dafür daß ihre Stellen keine Belohnung minderfähiger Professoren bedeuteten. 1413 vollendete Ludwig III. die von seinem Vater begonnene Umwandlung der Heiliggeistkirche Heidelberg in ein Kollegiatstift für vierzehn Mitglieder der Universität. 1421 vermachte er der Hochschule seine eigenen Bücher zum freien Gebrauch der Studenten und war ein passionierter Sammler kostbarer Handschriften. Beide Büchersammlungen bildeten den Grundstock zur später berühmten Bibliotheca Palatina. Johannes von Frankfurt, der Hofkaplan des Kurfürsten, widmete diesem seine Betrachtung "De mysterio Christi", wobei er im Dedikationsschreiben anmerkt, Ludwig III. beschäftige sich regelmäßig intensiv mit der Heiligen Schrift und setze sich "suptiliter" - also gründlich und tief - mit den Geheimnissen des Glaubens auseinander. Im Mittelpunkt seiner Religiosität stand die Passion Christi, die auch seinen persönlichen, geradezu asketischen Lebensstil prägte. Laut Matthias von Kemnath trug der Fürst beständig "ein hart und strenges härenes Hemd, mit großen Stricken und Knoten gemacht", sowie einen Bußgürtel mit bleiernen Gewichten. Außerdem habe er täglich alle 7 Zeiten des priesterlichen Bevieres gebetet.       

 

 

Kurfürst Ludwig III. kniet vor König Sigismund

 

Ludwig III. sah trotz seiner machtvollen Stellung im Reich von einer Kandidatur um die Königswürde ab. Stattdessen unterstützte er 1411 die Wahl Sigismunds von Luxemburg, der ihn als getreuesten seiner Gefolgsleute ansah. König Sigismund setzte den Pfälzer als Reichsvikar ein, wodurch er bei  Abwesenheit des Monarchen dessen Stellvertretung wahrnahm. Kurfürst Ludwig verhandelte auf dem Konzil von Konstanz persönlich mit den Bevollmächtigten des greisen Papstes Gregor XII. und konnte diesen, obwohl er das rechtmäßige Kirchenoberhaupt war, zur Abdankung bewegen, um den Weg für eine Neuwahl freizumachen. Ludwig III. hatte den wesentlichen  Anteil am Erfolg der Verhandlungen und damit an der Beilegung des Schismas überhaupt. So vollendete Kurfürst Ludwig III, in Treue zur Kirche und zur ihrem Oberhaupt das, was sein Urgroßonkel, unser Kirchenstifter Ruprecht I., beim Beginn des Schismas, mit der Gründung der Heidelberger Universität beabsichtigte. Der König ernannte den Pfälzer Kurfürsten daraufhin zum Reichsrichter, sowie zum stellvertretenden Konzilsprotektor, also zum Schutzherrn der für Sicherheit und Frieden beim Konzil Sorge tragen musste.

 

 

Kurfürst Ludwigs Eintrag aus der Konstanzer Konzilschronik mit der Anmerkung "... was selb do un was hueter des Conzlii zu Costentz". 

 

Ebenso beauftragte ihn König Sigismund, den Pisaner Gegenpapst Johannes XXIII., der zwar ebenfalls einem Rücktritt zustimmte, aber vermutlich zwecks Restauration seiner Macht am 20. März 1415 heimlich aus Konstanz geflüchtet war, festzunehmen und ihn bis zur Wahl eines neuen Papstes festzuhalten. Ende April konnte Kurfürst Ludwig den Flüchtigen in seinen Gewahrsam bringen und setzte ihn auf dem Heidelberger Schloß fest. Dort erhielt er am 31. Mai des Jahres seine vom Konzil ausgesprochene Absetzung, der er zustimmte und damit auch selbst auf sein Papstamt verzichtete. Im Frühjahr 1416 deckte man ein Befreiungskomplott auf, weshalb Johannes XXIII. im Verlauf des Sommers in die sicherere Burg Eichelsheim kam, die sich auf dem Gelände des heutigen Mannheimer Stadtgebietes befand (Mannheim-Lindenhof). Am 11. November 1417 erfolgte in Konstanz die Wahl von Papst Martin V. und das Schisma galt als beendet, weshalb man den in Mannheim gefangenen Gegenpapst aus der Haft entließ. Als sich Papst Martin V. zu Konstanz in feierlichem Zug aus dem Konklave zur Kathedrale begab, begleitete ihn Kurfürst Ludwig III. zu Fuß und führte sein Pferd.  

 

 

Kurfürst Ludwig III. (mit Pfälzer Standarte) auf dem Konzil zu Konstanz 

 

 

 

Der Gegenpapst Johannes XXIII. als Gefangener Ludwig III., im Turm zu Mannheim

 

Am 5. Mai 1426 starb Ludwigs Sohn Ruprecht (aus der 1. Ehe), genannt "Ruprecht der Engländer", den er als Thronfolger ansah und bereits in die Regierungsgeschäfte hatte einarbeiten lassen. Der Kurfürst war er über diesen Sterbefall so tief erschüttert, dass er sich zu einer Pilgerfahrt ins Heilige Land entschloss, die er 1427 antrat, von der er jedoch schwer krank zurückkehrte. Seine Frömmigkeit und sein religiöses Engagement hatten noch zugenommen, so dass man ihm Beinamen wie „der Gottesfromm“, „der Gottesfreund“ oder auch „der Pfaffentrost“ gab. In den letzten Jahren lebte er fast nur noch für Gebet und Glauben. Seit 1430 nahezu erblindet, starb er 1436 in Heidelberg und wurde in der dortigen Heiliggeistkirche beigesetzt. Sowohl für ihn, für seine Frau und für seine Eltern existieren in unserer Kirche ewige Messtiftungen, die nun wieder aufleben. 

 

 

 

Christus als Weltenrichter, im Neustadter "Jüngsten Gericht", von Kurfürst Ludwig III.

In seinem Mund führt er Lilie und Schwert, symbolhaft für die Urteilssprüche über die Seligen und die Verdammten.

 

Zur Ehre Gottes und zum Gedächtnis seiner geliebten Gattin hatte Kurfürst Ludwig das imposante Jüngste Gericht in Neustadt malen lassen. Es wird uns bei jeder unserer Messen vor Augen stehen und an die Vergänglichkeit alles Irdischen mahnen. Christus thront als Weltenrichter und König in seiner Mitte; er soll auch als König in unserer Mitte und in unseren Herzen thronen. Auf ihn hin sind wir gemeinsam in der Messfeier ausgerichtet.

 

 

Die Selige Margarete von der Pfalz, Herzogin von Lothringen 

 

Das Bild von Kurfürst Ludwig III. und seiner Familie wäre nicht vollständig, würde man nicht auch an seine im Ruf der Heiligkeit gestorbene Schwester Margarete erinnern, die in engem Zusammenhang mit der Verbreitung des heiligen Rosenkranzes steht und deshalb für uns besonders wichtig ist. Sowohl ihr Bruder Ludwig III., als auch ihre Eltern Kurfürst Ruprecht III. und Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg (gleichzeitig deutscher König und Königin), prangen als lebensgroße Figuren des Jüngsten Gerichtes an unserer Chordecke.

 

Margarete von der Pfalz (1376-1434) war die älteste Tochter und das zweite von neun Kindern seiner Eltern. Über ihre Jugendzeit weiß man wenig. Sie wuchs in Heidelberg auf, wurde dort standesgemäß erzogen und soll sehr sprachbegabt gewesen sein.

 

 

                          

 

Die Eltern der seligen Margarete von der Pfalz, in der Stiftskirche zu Neustadt

 

Am 6. Februar 1393 fand in Kaiserslautern die Hochzeit der 16jährigen Prinzessin Margarete mit dem zwölf Jahre älteren Herzog Karl II. von Lothringen statt. Margarete lebte mit ihrem Mann in Nancy und praktizierte eine sehr religiöse Lebensführung. Ihr Gemahl teilte indessen keineswegs ihre frommen Neigungen und hatte ständig außereheliche Affären. 1415 machte er die Bekanntschaft mit einer Frau namens Alison du May, die ihn bald völlig für sich einnehmen konnte. Er lebte offen mit seiner Mätresse zusammen und hatte mit ihr fünf Kinder, während Margarete vergeblich an seine eheliche Treuepflicht appellierte.

 

 

Die selige Margarete von der Pfalz und ihr Gatte Herzog Karl II. von Lothringen

 

Vom Sittenverfall am Hof zu Nancy angewidert lernte Margarete in der Kartause St. Alban zu Trier den Mönch Adolf von Essen und seinen Schüler Dominikus von Preußen kennen, die eine neue Gebetsform pflegten, den Rosenkranz. Der Priester erlebte persönlich die Not seiner Mitmenschen, die Pest, die Kriege, die politischen Streitigkeiten, den skandlösen Lebenswandel vieler Adeliger und Geistlicher, sowie das päpstliche Schisma, welches die Kirche schrecklich entstellte. Am eigenen Leib fühlte er, wie hilflos, wie ratlos der Mensch sein kann, wie erbärmlich er sich fühlt, das Elend mit anschauen zu müssen und nichts daran ändern zu können. Da begann er demütig zu beten und zwar in der ganz einfachen, schlichten Weise der armen Leute auf dem Land: 20-, 30- oder 50 mal das „Gegrüßet seist du, Maria“ hintereinander. Dominikus von Preussen erfand die Unterteilungen in kleinere Abschnitte und die Hinzufügungen von einfachen Betrachtungssätzen aus dem Leben Jesu und Mariä, da er große Schwierigkeiten hatte sich bei komplizierteren und längeren Gebeten zu konzentrieren. Wenn Adolf  und Dominikus in dieser neuen Weise beteten, stellten sie sich Maria vor, wie sie das Leben ihres Sohnes begleitete und sahen dabei das Leben Jesu mit den Augen seiner Mutter; etwa wie sie Ja sagte zu dem Kind, das sie empfangen sollte, wie sie es treulich aufzog und behütete, wie sie den jungen Sohn voller Angst suchte oder wie sie mit ihm sein Leiden durchlebte. Adolf von Essen fing an, das Geheimnis der Inkarnation tiefer zu verstehen, nämlich dass der menschgewordene Gott seinen Menschenbrüdern nichts voraushaben wollte, dass Gott sich völlig den Menschen auslieferte, Kind wurde, seiner Mutter gehorchte, sich gar von ihr an der Hand führen ließ. Der Gottmensch Jesus war gehorsam, litt, ängstigte sich und starb; kein göttlicher Glanz war in diesem Leiden. Der Kartäuser erkannte, dass das Leid in der Welt ein Geheimnis ist, das der Mensch erst im Angesicht Gottes durchschauen würde. Er wollte nun diese Art zu beten, durch die er selbst Trost und Hilfe fand, vielen Menschen nahe bringen. 

 

 

Der Heilige Rosenkranz

 

Besonders Margarete von der Pfalz suchte bei ihm Trost, wegen der Verachtung durch ihren Mann und ihren leidvollen Eheverhältnissen. Adolf von Essen lehrte sie den Rosenkranz beten und verfasste um 1400 speziell für sie die Rosenkranzschrift „Rosengärtlein unserer lieben Frau“. Durch dieses meditative Gebet sollte Margarete in der Not ihrer Ehe den Sinn des eigenen Lebens neu erkennen, Kraft bei Christus dem Herrn finden und selbst zum Segen für die ihr anvertraute Bevölkerung werden. In seinem Büchlein für die Herzogin schrieb Adolf von Essen, es gehe beim Rosenkranz darum, das Leben des menschgewordenen Gottessohnes mit dem Herzen seiner Mutter zu betrachten. Sie erschließe dem Betenden in der Heiligen Schrift die „Frohbotschaft“, denn nicht allein jedes gesprochene Wort des Herrn, sondern auch alles Tun und Lassen Christi sei Wegweisung für unser Menschenleben. Der Rosenkranz wolle unser Leben nach dem Vorbild Christi prägen. Wörtlich schreibt er der Pfälzerin u.a.: „Jeder bemühe sich, sein tägliches Leben Christus anzugleichen. Dies erwartet er mehr als nur zu beten oder zu meditieren – nämlich, dass der einzelne in den vorkommenden Unruhen und Widrigkeiten, in seinen Worten und Handlungen sich nach dem Vorbild Christi geduldig verhalte.“

 

Im Jahre 1415, als ihr Mann mit seiner Geliebten Alison du May in wilder Ehe zusammenzog, gründete Herzogin Margarete ihrerseits die Kartause von Marienfloss im lothringischen Sierck. Adolf von Essen wurde der erste Prior; die pfälzische Fürstin wählte ihn zum Beichtvater und Seelsorger. Unter seinem Einfluß begann sie ein asketisches Leben im Büßergewand und im Sinne der „imitatio Christi“ zu führen. Adolf von Essen und Margarete von der Pfalz wurden die Apostel des Rosenkranzgebetes, durch sie fand es erstmals weite Verbreitung.

 

 

Die Kartause Marienfloss in Sierck/Lothringen, Keimzelle der Verbreitung des Rosenkranzgebetes; gegründet durch Margarete von der Pfalz 

 

1419 übersiedelte die Herzogin ganz nach Sierck und widmete sich nach dem Vorbild der Hl. Elisabeth der Krankenpflege, in einem dort von ihr gegründeten Hospital. Adolf von Essen schrieb diesbezüglich später in einer von ihm verfassten Lebensbeschreibung der Pfälzerin: „Mit Staunen und Beschämung sah ich, wie die Herzogin in Begleitung einer treuen Dienerin in die Spitäler ging, daselbst die abscheulichsten Geschwüre der Armseligen mit ihren Händen berührte, die Verwahrlosten von ihrem Aussatze, von ihrem Eiter und Ungeziefer reinigte, die ekelhaftesten Schäden und Wunden verband, den Ärmsten die Füße wusch und sie nicht mit Tuch oder Leinwand, sondern mit ihren eigenen Haaren trocknete. Wie hätte sie noch tiefer sich erniedrigen können? Sie tat aber alles aus Liebe zu ihrem Heilande und darum war es ihr Wonne und Freude. Sie, die Tochter eines Königs, die Gemahlin eines mächtigen Herzogs, die am Hofe an Wohlleben und Vergnügen gewöhnt war, bebte nicht zurück vor dem Anblicke des Unflates, vor dem Todesächzen der Sterbenden, vor dem üblen Geruche der Halbverfaulten, wovor eines jeden Andern Natur zurückschaudert. Sie gestand es selbst, Anfangs seien ihr die Wunden und Geschwüre der Kranken so übelriechend und schauderhaft vorgekommen, dass sie sich bei deren Anblick hätte erbrechen müssen, wenn ihr Christus nicht besonders beigestanden wäre. Da habe sie sich dann erinnert, wie die heilige Katharina von Siena und andere Heilige in solchen Fällen sich selbst überwunden, sich selbst ermutigt und im Vertrauen auf den Beistand des Herrn, dem sie in den Kranken dienten, das unmöglich Scheinende zu Stande gebracht hätten."

 

Der Kartäusermönch berichtet auch von zahlreichen Heilungen durch die Fürstin und fährt fort: „Ich habe wohl Ursache mich zu schämen, wenn ich meine weibische Kleinmütigkeit mit der männlichen Beherztheit der Herzogin vergleiche. Ich hatte zwar Freude, die edle Frau in ihrem Krankendienste von Ferne zu betrachten, wie sie nämlich die Kranken wusch, von ihrem Unrate reinigte und ihre Wunden verband. Allein ich vermochte nicht einmal näher hinzugehen und das Elend anzuschauen, geschweige etwas anzurühren. Darum hatte ich auch durchaus keine Kraft, einem einzigen Kranken zur Gesundheit zu verhelfen, während die fromme Herzogin Unzählige von ihren Übeln heilte. Von allen Orten strömten Kranke und Presthafte hin zur Herzogin, warteten auf sie, bis sie aus der Kirche kam und sie durch die ihr verliehene Wunderkraft heilte. Da trat sie denn zu jedem Einzelnen hin, berührte die kranken Glieder und segnete sie. Und alle gingen entweder vollkommen geheilt oder innerlich so getröstet und gestärkt, daß sie ihr Leiden geduldig und freudig ertragen konnten, von der Herzogin fort. Nur dreierlei Kranke konnte sie nicht heilen, denen es an Glauben fehlte, die auf menschliche Kunst ihr Vertrauen setzten und die in schweren Sünden lebten, ohne ernstlichen Willen, sich zu bessern.“

 

 

Die betrachtende Rosenkranzfrömmigkeit der Seligen Margarete von der Pfalz; aus ihrer Vita. Rechts das für sie geschriebene Rosenkranzbüchlein von Adolf von Essen.

 

Herzogin Margarete war eine glühende Verehrerin des Eucharistischen Heilandes und Adolf von Essen schildert in seiner Vita diesbezüglich auch einen mystischen Kommunionempfang den er selbst bei ihr erlebte: Die Herzogin kniete vor dem Altare. Er wandte sich um, ihr den Leib des Herrn zu reichen und sprach die Gebete. Auf einmal erblickte er das sonst blasse Antlitz der Fürstin von strahlendem Glanze umflossen. Adolf legte die Hostie auf die Patene ab, denn er erschrak heftig über diesen merkwürdigen Anblick. Als er sich wieder gefasst hatte, wollte er der Herzogin die heilige Kommunion reichen. Allein, er fand die Hostie nicht mehr, glaubte sie sei ihm entfallen und sah sich verzweifelt danach um. Jetzt gab ihm die Herzogin durch Neigung ihres Hauptes zu verstehen, sie habe den Leib des Herrn schon empfangen. Christus hatte sich ohne Zutun des Priesters der frommen Seele selbst mitgeteilt.

 

 

St-Francois-des Corderliers in Nancy, heutige Begräbniskirche der Seligen Margarete

 

Nach dem Tode ihres Mannes wählte Margarete von der Pfalz den Ort Einville-au-Jard zum Witwensitz, wo sie ihr klösterliches Leben fortsetzte, ein weiteres Hospital gründete und die Menschen den Rosenkranz beten lehrte. Dort starb sie am 26. August 1434 und ließ sich an der Seite ihres treulosen Gatten in der Kirche St. Georges zu Nancy bestatten, womit sie - über beider Tod hinaus - den unverbrüchlichen Fortbestand ihrer Ehe demonstrieren wollte. Die dortigen Gräber der Herzöge von Lothringen wurden in der französischen Revolution geplündert und die Gebeine zerstreut. Was man noch auffinden konnte bettete man 1743 in die Kirche St-François-des-Cordeliers um. Hier an ihrem Grab in Nancy heiratete 1951 der österreichische Thronfolger Erzherzog Otto von Habsburg und feierte 2001 auch seine goldene Hochzeit.

 

 

Der Selige Bernhard von Baden, Enkelsohn Margaretes von der Pfalz 


Margarete von der Pfalz wird traditionell als Heilige verehrt, es erfolgte jedoch nie eine offizielle Kanonisation. Das Standardwerk der Bayerischen Heiligen „Bavaria Sancta“, von Professor Magnus Jocham, widmet ihr in Band 2 eine ausführliche Lebensbeschreibung. Sie hatte mit ihrem Mann zwei Töchter, wovon jene mit dem Namen Katharina die Mutter des Seligen Bernhard von Baden ist.   

 

 

 

Maria, Königin vom Heiligen Rosenkranz, bitte für uns!

 

Margarete von der Pfalz soll unsere Gemeinde als himmlische Fürsprecherin lehren, den Rosenkranz in der rechten Weise zu beten. In ihrem Sinne wollen wir ihn schätzen und uns stets daran erinnern, dass er durch eine pfälzische Prinzessin aus dem Hause Wittelsbach zu uns kam, deren Bruder und Eltern in der Stiftskirche auf uns herabblicken. 

 

Die heiligmäßigen Nachkommen Margaretes von der Pfalz, durch deren Familienstamm die Neustadter Stiftskirche nach der Reformation wieder teilweise an die Katholiken fiel.

Wie sich durch manche Familienstammbäume ein dunkler Faden des Bösen zieht, der immer wieder einmal durchschlägt, so scheint es in gegenteiliger Weise bei der Seligen Margarete von der Pfalz zu sein. Ein leuchtender Faden der Heiligkeit geht von ihr aus, der in verschiedenen Generationen, über 500 Jahre hinweg, unter ihren Nachfahren heilige und verehrungswürdige Personen hervorbrachte; als bisher letzte Blüte den seligen Kaiser Karl von Österreich (1887-1922).   

Margarethes Enkel, der Selige Markgraf Bernhard von Baden, Sohn ihrer Tochter Katharina (1407-1439) ist bereits im vorherigen Kapitel erwähnt.

 

Von ihrer anderen Tochter Isabella (1400-1453) stammen alleine 3 heilige Frauen, außerdem die Königin Maria Stuart sowie die Kaiserin  Maria Theresia ab; durch letztere auch der Selige Kaiser Karl von Österreich. Angehörige aus diesem Zweig setzten die Katholiken nach der Reformation wieder in den teilweisen Besitz der Stiftskirche ein, schufen also unmittelbar die Voraussetzung für die heutige Etablierung des Alten Ritus in Neustadt. Margarethe von der Pfalz und ihre heiligen Nachkommen haben ihn uns in der Ewigkeit zweifelsohne erbeten. Sie selbst und die stattliche Zahl himmlischer Fürsprecher aus ihrem Stamm, sind alle die Nachkommen des an unserer Kirchendecke abgebildeten Kurfürsten- und Königspaares Ruprecht III. und Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg.  

 

 

                         

 

                    Die Selige Margarete von Lothringen, links als Ordensfrau, rechts als Herzogin

 

Zunächst ist hier zu nennen, Margaretes gleichnamige Urenkelin, die selige Margarete von Lothringen (1463-1521), eine durchaus „moderne“ Selige, da sie erst 1921 von Papst Benedikt XV. kanonisiert wurde. Margaretes Vater starb schon als sie 7 Jahre zählte und sie wuchs bei ihrem Großvater René dem Guten in Avignon auf, wo sie eine sehr religiöse Erziehung genoss. Nach dem Tod des Großvaters kam sie 1480 wieder nach Lothringen an den Hof ihres Bruders René II., dessen fromme Gattin Philippine von Geldern einen starken Einfluss auf sie ausübte. Im Alter von 25 Jahren heiratete Margarete am 14. Mai 1488 in Toul den Herzog René von Alençon. Er zeigte für die religiösen Übungen seiner Gattin großes Verständnis und stiftete für sie zu Alençon ein Klarissenkloster, das sie oft zur Andacht aufsuchte. Bereits nach vierjähriger Ehe verstarb Herzog René am 1. November 1492. Seine Witwe übte knapp 20 Jahre lang umsichtig, besonnen und gerecht die Regentschaft im Land aus. Sie widmete sich insbesondere auch der rechtschaffenen Erziehung und standesgemäßen Verheiratung ihrer Kinder. Damals begann sie unter dem Einfluss des mit ihr befreundeten, heiligen Franz von Paula ein asketisches Leben zu führen. Sie gründete zahlreiche Kirchen sowie Klarissenklöster und ließ außerdem Spitäler für Arme und Kranke erbauen. Nach der Eheschließung ihres ältesten Sohnes Karl IV. (1509) zog sich Margarete vom Hof zurück und lebte nur noch für den Glauben. Sie führte in ihrem Schloss Essai bei Sées ein so strenges Büßerleben, dass sie der Bischof von Sées zur Mäßigung ermahnte. 1513 schloss sie sich in Mortagne dem dritten Orden des Heiligen Franziskus an. Sie trat 1519 in das von ihr gestiftete Klarissenkloster zu Argentan ein, wollte aber nicht dessen Äbtissin werden, sondern lebte als einfache Nonne. Hier starb sie am 2. November 1521, im Alter von 58 Jahren und wurde dort bestattet. Anläßlich der eingeleiteten Seligsprechung öffnete man ihr Grab am 19. Oktober 1624 und fand den Leichnam unverwest vor. Die Körperreliquie wurde durch die französischen Revolutionäre entweiht, aus der Kirche fortgeschafft und auf einem Friedhof verscharrt. Der Beatifikationsprozess zog sich – auch durch die ungünstigen Zeitumstände – schließlich bis 1921 hin. Ihr unverwestes Herz befindet sich als einzige erhaltene Reliquie in der Pfarrkirche von Argentan.

 

 

                     

 

                   Die Selige Renata von Lothringen und ihr Grab in der Münchner Michaelskirche

 

Urenkelin von Margaretes Bruder René II. von Lothringen, an dessen Hof sie lange Zeit gelebt hatte, ist die selige Renata von Lothringen  (1544-1602),  Ehefrau von Herzog Wilhelm V. von Bayern, genannt der Fromme.  Sie hatte ihren Mann am 22. Februar 1568 geheiratet, als dieser noch Erbprinz war. Beide lebten in sehr glücklicher Ehe und besonders Renata führte ein Leben in Mildtätigkeit, Bescheidenheit und Nächstenliebe. Sie verließen die Münchener Residenz und wohnten im Kollegienbau der Jesuiten im Westen Münchens, wo ihr Tagesablauf klösterlich geprägt war. Die Herzogin pflegte überdies persönlich Kranke und betreute Arme sowie Pilger. In dieser Aufgabe ging sie nach der Abdankung ihres Gatten vollständig auf. Die letzten Jahre verlebte Renata im Herzogsspital zu München, sie war auch die Gründerin des Münchner Elisabethen-Hospitals. Ihr Grab befindet sich in der Münchner St. Michaelskirche, deren Weihe der letzte Höhepunkt ihres Lebens gewesen ist. Ebenso wie ihre Urahnin Margarete von der Pfalz, wurde Renata vom Volk als Heilige verehrt, aber nie kanonisiert.  Sie besitzt eine eigene Gedenkseite im Webportal "Ökumenisches Heiligenlexikon" (Renata (Renée) von Bayern - Ökumenisches Heiligenlexikon)

 

Einer ihrer Söhne war Kurfürst Maximilian I., Schutzschild und Retter des deutschen Katholizismus im 30-Jährigen Krieg, der Maria zur Schutzfrau Bayerns erklärte und ihr die prächtige Mariensäule in München erbauen ließ. Hierbei weihte er „sich, sein Volk und Land, für immer und ewig“ der Muttergottes. Als er starb verfügte er testamentarisch die Herausnahme seines Herzens, um es in der Wand der Gnadenkapelle von Altötting einmauern zu lassen, mit der Inschrift: „Damit der Wanderer wisse, dass Maximilian auch nach dem Tode Maria von ganzem Herzen liebt“.   

 

 

 

Papst Benedikt XVI. betet in der Gnadenkapelle von Altötting, wo das Herz von Kurfürst Maximilian I. in die Wand eingemauert ist und seinem Beispiel folgend, alle Wittelsbacher-Herrscher nach ihm ebenfalls ihre Herzen beisetzen ließen. 

 

Renatas Tochter, Magdalene von Bayern (1587-1628), ist die dritte in Reihe der heiligmäßigen Frauen aus der Nachkommenschaft Margaretes von der Pfalz. Die Bayerische Heiligensammlung „Bavaria Sancta“, von Professor Magnus Jocham, nennt sie als Selige. Auch sie pflegte als Fürstin persönlich Kranke, war sehr mildtätig und führte ein inniges Gebets- und Betrachtungsleben. Sie beichtete und kommunizierte jeden Sonntag, was damals eher eine Ausnahme bedeutete und auf eine tiefe Frömmigkeit schließen lässt; ihr Beichtvater musste sie sogar zur Mäßigung ihrer strengen Bußübungen ermahnen. Sie fertigte selbst Paramente, welche sie verschiedenen Wallfahrtskirchen schenkte u.a. Altötting und Kloster Lechfeld. Professor Jocham zitiert in „Bavaria Sancta“ (Band 2, Seite 402) einen lutherischen Adeligen, der über sie sagte: „Diese gottselige Fürstin könnte die Anrufung der Heiligen, wie sie bei den Katholiken gebräuchlich ist, gar wohl rechtfertigen. Zu ihr, die so voll Barmherzigkeit ist, könnte ich meine Zuflucht nehmen und ich bin gewiss, dass sie mir keine Bitte versagen würde.“

 

 

Die Selige Magdalene von Bayern, welche durch ihr heiligmäßiges Leben ihren Mann zum katholischen Glauben bekehrte. Ihr Sohn gewährte den Katholiken in der Pfalz die Glaubensfreiheit und berief die Kapuziner nach Neustadt. Ihr Enkel schenkte den Neustadter Katholiken die halbe Stiftskirche. 

 

Magdalene von Bayern führte nicht nur ein sehr religiöses Leben, sondern wurde auch politisch äußerst bedeutsam. Sie heiratete den protestantischen Herzog Wolfgang Wilhelm von Pfalz-Neuburg (1578-1653), der anfänglich ihre katholische Religion nur duldete, aber nach und nach durch ihr frommes und heiligmäßiges Leben selbst den katholischen Glauben schätzen lernte und 1614 konvertierte. Dadurch wurde der Wittelsbacher Familienzweig Pfalz-Neuburg wieder katholisch und beider Sohn Philipp Wilhelm (1615-1690) trat nach dem Aussterben der protestantischen Pfälzer Kurlinie, in unserer Heimat 1685 die Erbfolge an. Er erlaubte wieder den katholische Kult in der Kurpfalz und berief Kapuziner nach Neustadt. Sein Sohn  Kurfürst  Johann Wilhelm (1658-1716) übergab den Katholiken Neustadts den Chor der Stiftskirche zum Eigentum und holte die Jesuiten als Seelsorger dort hin. Bei seinem Tode stifteten diese ihm aus Dankbarkeit in unserem Gotteshaus ein ewiges Messgedächtnis, das einzige fürstliche aus nachreformatorischer Zeit. 

 

 

 Kaiserin Eleonore Magdalene Therese von Pfalz-Neuburg, eine tieffromme Frau und die Großmutter Maria Theresias. Ihr Vater Kurfürst Philipp Wilhelm gab den Pfälzer Katholiken 1685 die Freiheit zurück und stellte durch Berufung der Kapuziner das katholische Gemeindeleben Neustadts wieder her, ihr Bruder Johann Wilhelm rief die Jesuiten nach Neustadt und gab ihnen den Chor der Stiftskirche.   

 

Eine Enkeltochter Magdalenes, Eleonore Magdalene Therese von Pfalz-Neuburg (1655-1720) heiratete den römisch-deutschen Kaiser Leopold I. Auch sie führte – gleich der Großmutter – ein betont religiöses Leben in großer Frömmigkeit. Die Kaiserin verfasste selbst ein Andachtsbuch, das im Druck erschien und starb an einem Schlaganfall, der sie beim Gebet in der Kapelle traf. Nach ihrem eigenen Wunsch bestattete man Eleonore Magdalena in einem ganz einfachen Holzsarg, bekleidet mit dem Habit des Ordens der Servitinnen Mariens, unter Beifügung der von ihr gewünschten Inschrift „Eleonora Magdalena Theresia, arme Sünderin“. Sie war die Großmutter der Kaiserin Maria Theresia, von der wiederum der jüngst seliggesprochene Kaiser Karl I. von Österreich abstammt.

 

 

Der Selige Kaiser Karl von Österreich (2004 kanonisiert); der bisher letzte Heilige unter den Nachkommen Margaretes von der Pfalz bzw. ihrer an unserer Chordecke verewigten Eltern Kurfürst Ruprecht III. und Kurfürstin Elisabeth.   

 

Wenn wir bei unseren Heiligen Messen an die Kirchendecke blicken und dort Ruprecht III. und seine Gattin Elisabeth von Hohenzollern Nürnberg sehen (die beiden gekrönten Figuren) beten wir eifrig für sie, aus denen sich 500 Jahre lang ein Strom der Heiligkeit über Europa ergossen hat und rufen wir ihre heiligen Nachkommen als ganz besonders mit uns verbundene Schutzpatrone an. 

 

 

Elisabeth von Öttingen, Hofdame und Verwandte der Wittelsbacher

 

 An dieser Stelle muss noch eine weitere Fürstlichkeit genannt werden, Elisabeth von Öttingen (+ 1406), die im Chor unserer Kirche – also an einem sehr bevorzugten Platz – begraben ist,  was daher rührt, dass sie eine Verwandte des pfalz-bayerischen Herrscherhauses war.

 

 

Beschädigte Grabplatte der Hofdame Elisabeth von Öttingen, in der südl. Seitenkapelle der Stiftskirche; rechts das Wappen derer von Öttingen, links das Leuchtenberger Wappen ihres Mannes.

 

 

Irmgard von Öttingen, die Großmutter von Kurfürst Ruprecht III., der ja an unsere Chordecke gemalt ist, lebte als Nonne im Kloster Liebenau zu Worms. Ihr Mann Pfalzgraf Adolf der Redliche (1300 – 1327)   – der Bruder unseres Kirchenstifters Ruprecht I. – war schon mit 26 Jahren verstorben und sie selbst als Witwe Nonne geworden. Sie lebte über 70 Jahre im Witwenstand, davon 50 Jahre als Ordensschwester. Kurfürst Ruprecht III. wuchs in Liebenau bei ihr auf und hatte die Großmutter sehr lieb. Sie lebte noch hochbetagt, als er selbst schon regierte und er besuchte sie zeitlebens gerne in dem Wormser Konvent.

 

Aus der Verwandtschaft dieser Großmutter berief Kurfürst Ruprecht III. (gleichzeitig auch deutscher König) eine Hofdame in seine Umgebung. Jene Hofdame, Elisabeth von Öttingen, war die Großnichte von Pfalzgräfin Irmgard, der als Nonne lebenden Großmutter des Kurfürsten. Der Großvater der Hofdame – Friedrich I. von Öttingen – war Irmgards Cousin.

 

Die Hofdame Elisabeth von Öttingen hatte Landgraf Albrecht von Leuchtenberg geheiratet. Sie führte ein frommes Leben und vermachte unserer Stiftskirche eine reichhaltige Reliquiensammlung von 52 verschiedenen Heiligen, die in einem noch existierenden Verzeichnis einzeln aufgeführt sind. Die von ihr geschenkten Reliquien befanden sich beim Stiftsschatz, verwahrt in zwei silbernen Schreinen und gingen in der Reformationszeit verloren.  

 

 

Der Eichstätter Bischof Friedrich IV. von Öttingen, Bruder der in unserem Kirchenteil begrabenen Hofdame Elisabeth, ein glühender Verehrer des Heiligsten Altarsakraments und Wegbereiter der Einführung von Fronleichnamsprozessionen in Deutschland.

 

Von großer Bedeutung für uns ist der Bruder der Hofdame, Bischof Friedrich IV. von Eichstätt. Auch er zählt zur Verwandtschaft der pfälzischen Wittelsbacher und war ein glühender Verehrer des Heiligsten Altarsakraments. Er gilt als Wegbereiter der Einführung einer feierlichen Prozession am Fronleichnamsfest in Deutschland. Zu diesem Zweck ließ Bischof Friedrich von Öttingen für die Eichstätter Kathedrale speziell eine kostbare Monstranz und ein Velum anfertigen, mit denen er persönlich Christi Leib durch die Stadt trug. Er vollendete auch den Eichstätter Dom, so dass dieser am 13. Oktober 1396 von ihm geweiht werden konnte. Bischof Friedrich bemühte sich eingehend um die Reform seines Klerus, hielt alljährlich gewissenhaft eine Diözesansynode ab und sorgte für den Erwerb von liturgischen Büchern. Er zählt zu den Zierden des Episkopats seiner Zeitperiode und regierte das Bistum 32 Jahre lang.

 

  

Feierliche Fronleichnamsprozession, wie sie Bischof Friedrich von Öttingen zum Brauch machte. 

 

Für seine Schwester Elisabeth von Öttingen, Hofdame von Kurfürst Ruprecht III., besteht eine Ewige Messe in der Stiftskirche und ihr Grab liegt - heute unsichtbar - im Kirchenboden, nahe dem nördlichen Eingang unseres Chores. Ihr Epitaph steht vorn rechts vom Hochaltar, in der südlichen Kapelle und trägt die Wappen der Fürstenhäuser Öttingen und Leuchtenberg. Beten wir gerne und oft für Sie, die unsere Kirche einst so reich mit Reliquien beschenkte und seien wir eifrige Verehrer des Heiligsten Altarsakramentes, ganz im Sinne und nach dem Vorbild ihres bischöflichen  Bruders.  

                    

 

Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz und das aus ihm hervorgegangene Haus Löwenstein

 

 

Kurfürst Friedrich war der Sohn von Kurfürst Ludwig III. von der Pfalz, der an unserer Chordecke dargestellt ist und dessen 2. Frau Mechthild von Savoyen. Er wurde sehr fromm erzogen. Die Nachfolge in der Kurwürde seines Vaters trat zunächst Friedrichs älterer Bruder, als Ludwig IV. von der Pfalz an. Dieser starb jedoch bereits 1449, im Alter von 25 Jahren, unter Hinterlassung seines einzigen Kindes Philipp – später Kurfürst Philipp der Aufrichtige –  welches beim Tod des Vaters gerade 13 Monate zählte. Sein Onkel, Friedrich I., übernahm deshalb als Landesverweser und Vormund des Neffen die Regierung.

 

 

Kurfürst Friedrich I. von der Pfalz im Gebet.

Das Schriftband lautet: "O min got erbarm dich / uber mich / durch din liden." (Oh mein Gott erbarm Dich über mich, durch Dein Leiden.)

 

 

Die schwierigen politischen Zeitläufe ließen schon bald Besorgnisse laut werden, dass eine langjährige Interimsregierung dem Land und seinem Besitzstand schädlich sein würden, vielleicht sogar den unmündigen Thronfolger sein Erbe kosten könnte. Auf dringendes, einstimmiges Anraten der kurpfälzischen Stände bzw. Räte, sowie mehrerer benachbarter geistlicher und weltlicher Reichsstände, etwa der Bischöfe von Speyer und Worms und mit ausdrücklicher Zustimmung der Kurfürstenwitwe, entschloss sich Friedrich daher zur Übernahme der Landesregierung und Kurwürde in eigenem Namen. Er adoptierte den Kurprinzen Philipp und wurde 1451 selbst auf Lebenszeit Kurfürst. Für etwaige eigene Nachkommen verzichtete er zugunsten seines Adoptivsohnes Philipp, des legitimen Landeserben, auf alle Ansprüche. Sie wurden später zum Geschlecht derer zu Löwenstein.

 

Friedrich I. oder auch „der Siegreiche“ war ein äußerst gewissenhafter Sachwalter für seinen Neffen, unter dem das geistige, religiöse und materielle Leben in der Kurpfalz aufblühte. Kurfürst Friedrich war auch ein Wohltäter unserer Neustadter Stiftskirche, die er mit weiteren Malereien ausstatten ließ. Vermutlich handelt es sich um nicht mehr vorhandene bzw. die etwas jüngeren in der Vorhalle, dem sogenannten Paradies (ehemaliger Haupteingang zwischen den Türmen, heute zum protestantischen Kirchenteil gehörend).

 

 

Mittelteil der Decke im Paradies der Stiftskirche (heute protestantischer Teil); diese Bilder gehören vermutlich zu jenen, welche Kurfürst Friedrich I. in Neustadt fertigen ließ.

 

Die Südseite der Decke bezieht sich auf das Erbauungsbuch "Speculum humanae Salvationis" des Kartäusers Ludolf von Sachsen, einem der Lieblingsautoren von Friedrichs Vater Ludwig III. Darin werden in lateinischen Reimen alttestamentarische Offenbarungsgeschehnisse den Glaubenswahrheiten des Neuen Bundes gegenübergestellt. Entsprechend ist dieser Deckenabschnitt gestaltet. Figuren des Alten Testaments halten hier Spruchbänder mit wörtlich zitierten Reimsprüchen aus dem "Speculum Salvationis". Eine Darstellung Moses` z.B. trägt den Spruch: "Rubus sustinuit ignem et non perdidit viriditatem. Maria concepit Filium et non amisit virginitatem." Dieses Reimzitat aus dem "Speculum humanae Salvationis" lautet übersetzt: "Die Hecke hielt das Feuer aus und hörte nicht auf zu grünen. Maria empfing den Sohn und verlor nicht ihre Jungfräulichkeit." 1476, im Todesjahr Friedrich des Siegreichen, stiftete König Renè von Anjou, Bruder des verstorbenen ersten Mannes von Friedrichs Schwägerin, Pfalzgräfin Margarete von Savoyen, in Aix-Provence ein Tryptichon für die dortige Kathedrale, gemalt von Nicolas Froment. Seine zentrale Tafel setzt genau diesen in Neustadt verwendeten Spruch bildhaft um - den Vergleich zwischen Maria, die trotz ihres Gebärens Gottes unversehrte Jungfrau blieb, da sie vom Heiligen Geist empfing und dem Dornbusch des Moses, der von der Gegenwart Gottes brennt aber ebenfalls unversehrt bleibt. Es ist das Glaubensgeheimnis der Menschwerdung Gottes aus Maria der Jungfrau, das der Pfälzer Kurfürst auf dem Spruchband seines Neustadter Moses demonstrativ festhalten ließ. Ähnliches gilt auch für die anderen Figuren der südlichen Paradiesdecke.

                             

Links der Neustadter Moses aus der Stiftskirche, mit seinem Spruchzitat aus dem "Speculum Salvationis" (Heilsspiegel) des Ludolf von Sachsen. Rechts die malerische Umsetzung dieses Spruches, in Aix-en-Provence: Maria und Jesus im brennenden Dornbusch, vor Moses. Das Jesuskind hält als Anspielung auf das Buch "Heilsspiegel" einen kleinen Spiegel in der Hand.

Der nördliche Teil der Vorhallendecke hat als Bildprogramm die "Vita Christi", ebenfalls von Ludolf von Sachsen; eines der berühmtesten Erbauungsbücher des Mittelalters. Es ist eine Evangelienharmonie, angereichert mit Betrachtungen der berühmtesten Kirchenlehrer. Dementsprechend sind die Bilddarstellungen an der Decke gewählt: Symbole der 4 Evangelien bzw. Evangelisten, umgeben von den Kirchenlehrern St. Ambrosius, St. Augustinus, St. Hieronymus und St. Gregor der Große. Kurfürst Ludwig III. hatte das Buch nachweislich für sich kopieren lassen und schenke es später der Universität Heidelberg. 200 Jahre danach bekehrte sich durch dieses Werk der Hl. Ignatius von Loyola zum Glauben, dessen Jesuitenorden, in nachreformatorischer Zeit, einmal das katholische Leben an der Stiftskirche Neustadt wieder erneuern sollte. 

  

Nördlicher Teil der Vorhallendecke in Neustadt. Er symbolisiert das Erbauungsbuch "Vita Christi" von Ludolf von Sachsen.  

Weiterhin dotierte Kurfürst Friedrich I. in der Stiftskirche eine besondere Predigerstelle, damit die Menschen besser und tiefer im Glauben unterrichtet würden; in seiner Neustadter "Kleider- und Sittenordnung" bestimmte er zudem, dass alle behördlichen Strafgelder für Gotteslästern und falsches Schwören "an den Kirchenbuwe des Stiefftes zu Nuwenstatt zu wenden" sind. Er reformierte auch die Universität Heidelberg im guten Sinne und berief hochrangige Gelehrte dort hin, wovon besonders der geistliche  Humanist und Geschichtsschreiber Jakob Wimpheling (1450-1528) herausragt, namhaftester Vertreter des katholisch geprägten Humanismus in Deutschland. 

Am 25. Juli 1476 errichtete Kurfürst Friedrich I. laut Urkunde zur Ehre Gottes, der seligsten Jungfrau Maria, des ganzen himmlischen Heeres und zum Schutz der rechtgläubigen Kirche ein Studium der heiligen Schrift, sowie eine Prediger Anstalt und stiftet ein Kloster für Mitglieder des Prediger-Ordens (Dominikaner) in der Vorstadt zu Heidelberg. In seinem Testament hatte er schon am 28. Oktober 1467 festgelegt, dass er „wie ein Ordensbruder der Barfüßer" (Franziskaner), in deren Heidelberger Kirche, „vor dem Fronaltare“ (Sakramentsaltar) begraben werden wolle und machte dabei viele Vermächtnisse zu frommen und wohltätigen Zwecken. Die Grabeskirche des Kurfürsten in Heidelberg wurde 1693 von den Franzosen verwüstet und dabei seine Gruft aufgebrochen. Kurfürst Johann Wilhelm von der Pfalz (1630-1716) veranlasste 1696 die Wiederbestattung und ließ eine neue, barocke Grabplatte setzen. Beim Abriss des Gotteshauses transferierte man des Herrschers Gebeine 1810 in die Heidelberger Jesuitenkirche, wo eine Marmortafel im Kirchenschiff auf die Ruhestätte hinweist.

Kurfürst Friedrichs barocke Grabplatte von 1696

Friedrich der Siegreiche hatte sich mit der aus Augsburg stammenden Münchner Hofdame Klara Dett, einer geistig und religiös hochstehenden Frau verheiratet, mit der er eine sehr glückliche Ehe führte und 2 Söhne hatte, die nach seinem eigenen Willen nicht das Erbe in der Kurpfalz antraten. 

Der älteste, genannt Friedrich von Bayern († 16. Oktober 1474), war seit 1472 Kanoniker am Domstift Speyer, dann auch am Domstift Worms, starb noch zu Lebzeiten seines Vaters und wurde – gleich ihm – in der Heidelberger Franziskanerkirche beigesetzt.

Der jüngere, Ludwig von Bayern (1463-1523),  ist der Begründer des heutigen Fürstenhauses Löwenstein-Wertheim; von ihm stammen alle Löwensteiner ab. 

Jener Name hat im katholischen Deutschland seit langer Zeit einen guten Klang und die Familie stellt bis heute Kirche und Gesellschaft hervorragende Menschen. Sie gehört sozusagen zum katholischen Urgestein unseres Landes.

  Fürst Karl VI. zu Löwenstein als Pater Raymund Maria O.P.

Der Urgroßvater des derzeitigen Familienchefs Fürst Alois Konstantin war Karl VI. zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg (1834-1921), regierender Fürst, Standesherr, Reichstagsabgeordneter, sowie langjähriger Präsident des Kommissariats der Deutschen Katholikentage. Seine tiefe Frömmigkeit und die unkonventionelle Ader seines Geschlechtes ließen in ihm den Entschluss reifen, als Witwer, nach dem Tode seiner Gattin, allen weltlichen Würden zu entsagen und als einfacher Mönch in ein Kloster einzutreten. So wirkte er ab 1907 bis zu seinem Tode, 14 Jahre segensreich im Dominikanerorden unter dem Namen Pater Raymund Maria.

In Venedig leitet Pater Konrad zu Löwenstein FSSP für die Petrusbruderschaft eine Gemeinde des alten Ritus. Pater Konrad zu Löwenstein stammt aus dem protestantischen Familienzweig, aber seine Vorfahren konvertierten vor ca. 100 Jahren zum katholischen Glauben. Er ist der Großneffe des bekannten Reichstagsabgeordneten, Journalisten und Hitler-Gegners Hubertus Prinz zu Löwenstein-Wertheim-Freudenberg.

 

 

Pater Konrad zu Löwenstein (rechts hinten) mit dem Kardinal-Erzbischof von Venedig, 2010

 

Für Kurfürst Friedrich den Siegreichen, Stammvater des Wittelsbacher Familienzweiges der Fürsten zu Löwenstein, besteht in unserer neuen Kirche eine ewige Messe, die wir im Rahmen unserer Wittelsbacher-Gottesdienste wieder aufleben lassen möchten. Wir danken Gott für den Segen, der durch die Nachkommen Kurfürst Friedrichs, Kirche und Welt zuteil wurde. Seine Frau Klara Dett und alle seine Nachkommen wollen wir in unser Gebetsgedenken mit einschließen, besonders den Erbprinzen Carl Friedrich der am 24. April 2010, im Alter von 43 Jahren, tödlich verunglückte. 

 

Dekan Laurentius Kercher und die Auflösung des Neustadter Stiftes

1556 führte Kurfürst Ottheinrich die Reformation im Sinne des lutherischen Bekenntnisses in der Kurpfalz ein und verbot den katholischen Kult. Der Theologe Johannes Marbach aus Straßburg visitierte im staatlichen Auftrag sämtliche Pfarreien und zwang sie – wo noch nicht geschehen – zur Annahme der neuen Lehre, bzw. verjagte sich widersetzende Geistliche. Wegen der komplizierten Rechtsmaterie blieben die Klöster und Stifte im Land einstweilen weitgehend verschont von Zwang, wurden aber oftmals durch subtilere Mittel zur Annahme des neuen Glaubens gebracht. 

 

"Grabstein" für den letzten Stiftsdekan Laurentius Kercher

  

Ab dem gleichen Jahr in dem die Reformation hier eingeführt wurde, amtierte der Priester Laurentius Kercher als letztes Oberhaupt des Liebfrauenstifts Neustadt. Kercher stammte aufgrund seines dort alteingesessenen Namens offenbar aus der Stadt selbst und war bereits zuvor Kanoniker an unserer Kirche, ab 1556 wird er als Dekan bezeichnet. Er setzte der Reformation zähen Widerstand entgegen und hielt unentwegt am katholischen Glauben fest, dessen letzter Vertreter er mit seiner Kommunität im weiten Umland war. Laut dem alten Seelbuch sorgte Kercher dafür, dass trotz der völligen Auflösung jeglichen katholischen Glaubenslebens um ihn herum, die Gottesdienste und Gebetsverpflichtungen an unserer Kirche treulich weitergingen wie eh und je. Bis zu seinem Tode am 24. April 1561 blieb diese katholische Insel in Neustadt erhalten. Danach konnte kein Dekan mehr gewählt werden, einige Kleriker starben oder verließen das Stift, andere traten zum protestantischen Glauben über. 1563 führte der neue Kurfürst Friedrich III. den Calvinismus statt des lutherischen Glaubens als Staatsreligion ein. Nun verschonte man auch die wenigen noch existierenden Klostergemeinschaften nicht mehr. 1566 löste der Wittelsbacher Friedrich III. das von seiner eigenen Familie gegründete Stift auf und zog die Gefälle zu seinen Gunsten ein. Die Kirche übergab er der reformierten Gemeinde, die Stiftshäuser deren Predigern zur Pacht. Im Zuge jener Übernahme wurden in der Stiftskirche sämtliche Altäre, Statuen und Bilder entfernt. Die fest mit den Wänden verbundenen Bilder und Figuren wurden zerstört oder übertüncht, wie das „Jüngste Gericht“ an unserer Chordecke. Den Stiftungszweck – Gebet und Gottesdienste für die Verstorbenen des Hauses Wittelsbach – gab man auf, da er dem neuen Glauben widersprach. 

 

 

 Südlicher Eingang in unseren Kirchenteil (vom Marktplatz her). Links vom Türrahmen die Inschrift für Dekan Kercher.

Der letzte Dekan unseres Stiftes fand in der Kirche sein Grab. Betritt man unseren Kirchenteil vom Marktplatz her, so sehen wir außen, links neben der Tür, den „Grabstein“ von Dekan Laurentius Kercher. Man hat die Inschrift einfach in einen schon vorhandenen Mauerstein der Wand eingemeißelt und sie ist somit untrennbar mit unserer Kirche verbunden. Ebenso untrennbar ist mit ihr das Andenken an den wackeren Priester verbunden, der fest und unbeugsam, wie sein Stein in der Kirchenmauer, am überlieferten katholischen Glauben festhielt. Denken wir an ihn und beten wir für ihn, wenn wir unsere Kirche betreten bzw. verlassen und an seinem Grabstein vorbeikommen. Sein Leib ruht irgendwo unter uns im Fußboden und sicher freut er sich in der Ewigkeit über unseren Einzug in Neustadt. 

Die Jesuiten an der Stiftskirche in Neustadt

Am 16. Mai 1685 starb mit Karl II. von der Pfalz, die protestantische Kurlinie aus und der katholische Philipp Wilhelm (1615-1690), aus dem Wittelsbacher Familienzweig Pfalz-Neuburg - Nachkomme der Seligen Margarete von der Pfalz - trat das kurfürstliche Erbe an. Er erlaubte allen Bekenntnissen die Ausübung ihrer Kulte und führte den Gregorianischen Kalender ein, den die Kurpfalz bisher blockiert hatte, da er auf die Reform von Papst Gregor XIII. zurückging. Ab diesem Zeitpunkt durfte auch wieder katholischer Gottesdienst in Neustadt gehalten werden und der Kurfürst berief zu diesem Zweck zunächst die Kapuziner in die Stadt.

Mit Datum vom 26. Oktober 1689 erklärte die Regierung alle Kirchen des Territoriums als grundsätzlich „simultan“, sie durften von den drei im Lande anerkannten christlichen Konfessionen – Lutheraner, Reformierte und Katholiken – abwechselnd benutzt werden. Es dauerte aber noch bis zum Jahre 1698, dass die Katholiken die Neustadter Stiftskirche wieder mitbenutzen konnten.

Kurfürst Johann Wilhelm (1658-1716), der selbst von den Jesuiten erzogen worden war, berief diesen Orden nach Neustadt, wo im Februar 1699 zwei Patres und ein Bruder eintrafen. Sie gründeten dort ein Kloster mit Kolleg und betreuten ab 2. Juli 1700 die Stiftskirche mit der zugehörigen Stadtpfarrei, an Stelle der bisherigen Kapuziner. Fast 100 Jahre lang prägten die Jesuiten das katholische Gemeindeleben in der Stadt und wurden für unser Gotteshaus von großer Bedeutung, da sie den katholischen Teil in jenen barockisierten Zustand versetzten, den wir heute noch vorfinden.

 

 

Der von den Jesuiten in die Stiftskirche eingepasste Barock-Hochaltar; zusammen mit der ihn umgebenden, gotischen Architektur eine geniale Raumschöpfung (der Zelebrationsort unserer Hl. Messen)

 

Zum 21. November 1705 wurde auf kurfürstlichen Befehl die Stiftskirche aufgeteilt, die Katholiken erhielten den Chor als ihr Eigentum. 1708 ließ man eine Mauer zwischen beiden Teilen errichten, welche 1709 herausgerissen und neu gebaut wurde, da die Reformierten auch eine Fensterachse des Chores beanspruchten. Die Streitigkeiten konnten 1714 gütlich beigelegt werden, da die Katholiken auf den strittigen Kirchenraum verzichten, dafür aber das protestantische Rektoratshaus am Kornmarkt erhielten. Nach der endgültigen baulichen Abgrenzung des Gotteshauses ließen die Jesuiten ihren Chor barock ausstatten und unseren prachtvollen Hochaltar aufbauen, der speziell für die Raum- und Lichtverhältnisse in der eigentlich gotischen Stiftskirche geschaffen wurde. Das Zentralbild zeigt die Muttergottes, seine obere Gelbglasgloriole, die das Licht eines dahinter liegenden gotischen Fensters nutzt, kopiert in bescheidenem Maße jene des Apsisaltares von St. Peter in Rom. Die Barockisierung des Neustadter Stiftskirchenchores ist ein Musterbeispiel behutsamer Verschmelzung zweier völlig unterschiedlicher Kunststile. Man könnte sich heute den katholischen Kirchenteil ohne die Barockausstattung nur schwerlich vorstellen und man denkt, es müsse alles genau so sein wie es damals gemacht wurde. Damit haben die Jesuiten vor 300 Jahren ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen und Kunstverstand bewiesen, den man bei  Kirchenrenovierungen unserer Tage leider oft vergeblich sucht.

  

Das 1744 erbaute Jesuitenkolleg, am Marktplatz (heute Rathaus). Von hier aus betreuten die Patres unsere vis a vis liegende Kirche.

 

Die Ordensleute setzten auch die vernachlässigten Kurfürstengräber der Kirche wieder instand und begannen mit der Wiederaufnahme des stiftungsgemäßen Gebetsgedenkens für das Haus Wittelsbach. Als Kurfürst Johann Wilhelm, der sie nach Neustadt berufen hatte, 1716 starb, fügten die Patres den früheren Messgedächtnissen aus Dankbarkeit auch seines hinzu. 1744 bauten sie ihr schönes Kolleg am Marktplatz, gegenüber der Stiftskirche; das heutige Rathaus.

1773 wurde der Jesuitenorden vom Papst aufgehoben. Viele seiner Mitglieder blieben trotzdem landauf, landab, als „Ex-Jesuiten“ auf ihren Seelsorgeplätzen und wechselten in den diözesanen Dienst; in Neustadt z.B. Pater Edmund Voit.   

Unter den Jesuiten in Neustadt gab es viele gute und gebildete Priester, wovon drei besonders herausragen:

1.      Pater Edmund Voit (1707-1780), ein sehr bedeutender Mann; Professor der Theologie und Provinzial der Oberrheinischen Jesuitenprovinz. Er kam aus Unterfranken, wirkte bereits um 1736, als junger Priester an unserer Kirche, promovierte 1748 in Würzburg zum Doktor der Theologie, wurde Professor und unterrichtete von 1749 bis 1760 Moraltheologie an der dortigen Universität. 1750 verfasste u.a. eine 2-bändige, lateinische Moraltheologie, die als Standardwerk weltweite Bekanntheit erlangte und mehrfache Auflagen erlebte, letztmals 1860. Ab 1761, nach seiner Würzburger Professorenzeit, arbeitete Edmund Voit wieder in Neustadt, wo er nun als Rektor der Lateinschule bzw. des Jesuitenkollegs, sowie in der Seelsorge der Stiftskirchenpfarrei tätig war. 1771 avancierte er zum Provinzial (Oberen) der gesamten oberrheinischen Jesuitenprovinz. In dieser Stellung verblieb Voit bis zu Auflösung des Ordens, 1773. Danach wirkte der Priester weiter als Seelsorger in Neustadt und verstarb hier 1780. Im Oktober des Jahres wurde er auf dem damaligen katholischen Friedhof (am späteren Hetzelplatz), in der dortigen Jesuitengruft, als letzter Toter bestattet. Er hat sich testamentarisch ein Jahrgedächtnis in der Stiftskirche dotiert.  

 

Titelblatt der weltberühmten Moraltheologie von Pater Edmund Voit S.J. 

 

 2.   Pater Theodor Schneider (1703-1764), Rektor der Universität Heidelberg und erster katholischer, deutscher Missionar auf dem Gebiet der heutigen USA. Er stammte aus dem nahen Geinsheim, wirkte 1736, als junger Priester, zusammen mit Pater Voit an der Stiftskirche, wurde dann Professor der Philosophie und 1738 Rektor der Heidelberger Universität. 1741 ging Theodor Schneider schließlich als Missionar nach Nordamerika (Pennsylvania). Er war der erste deutsche, katholische Priester in dem Gebiet der Vereinigten Staaten von Nordamerika und gründete Goshenhoppen (heute Bally, Pennsylvania) als Missionsstation. Die ebenfalls von ihm dort eingerichtete Schule „St. Aloysius Academy“ gilt heute als älteste katholische Schule der USA, seine Kirche als drittälteste katholische der Vereinigten Staaten und als älteste Pennsylvaniens. Msgr. John Carroll, ab 1789 der erste kath. Bischof in USA, sagt über den Pfälzer Missionar, er sei ein Mann von „von ungewöhnlichem Wissen, starkem Eifer, großer Geschäftsgewandtheit, vollendeter Klugheit und ungemessener Großherzigkeit“ gewesen. Kurfürst Carl Theodor sandte ihm aus Mannheim ein Gemälde des letzten Abendmahls, mit seiner persönlichen Widmung. Es hängt noch heute in der von Pater Schneider gebauten "Most Blessed Sacrament Church", wo der Jesuit auch seine Grabstätte hat.

 

Grabplatte und Ruhestätte von Pater Theodor Schneider vor dem Sakramentsaltar seiner Missionskirche in Bally, Pennsylvanien. Hinter dem Altar das Bild von Kurfürst Carl Theodor.

 

3.      Pater Jakob Baegert (1717-1772), Kalifornienmissionar und Verfasser eines berühmten ethnologischen Werkes. Pater Baegert stammte aus dem Elsaß war hochgebildet, wirkte als Lehrer und Professor und ging 1749 in die Amerikamission. Von 1750 bis zu seiner Vertreibung durch die spanischen Kolonialherren 1767, wirkte er in Mexiko, davon 16 Jahre auf der südkalifornischen Missionsstation San Luis Gonzaga Chiriyaqui, wo er ein Kirchlein erbaute, das dort heute zu den besonderen Kulturdenkmälern zählt. Ab April 1769 wieder in der Heimat, hielt sich der Priester erst kurzfristig in seinem Geburtsort Schlettstadt auf, siedelte aber schon bald nach Neustadt über. Dort arbeitete er bis zu seinem Tod als Seelsorger an unserer Kirche und wirkte besonders als erfahrener Beichtvater, Spiritual der Ordenskommunität, sowie als Lehrer am Kolleg. Man bestattete ihn in der nicht mehr existierenden Jesuitengruft und versetzte seine einfache Grabplatte bei deren Auflösung, Ende des 19. Jahrhunderts, an die Außenmauer der Marienkirche. Pater Baegert verfasste hier in Neustadt seine deutschsprachigen Missionserinnerungen aus Kalifornien, welche erstmals 1771 im nahen Mannheim heraus kamen. Eine 2. Auflage, jedoch ohne Verfasserangabe, überarbeitete der Priester noch selbst. Sie erschien in seinem Todesjahr 1772, ebenfalls zu Mannheim. In diesen stark autobiographischen „Nachrichten von der Amerikanischen Halbinsel Californien“ berichtete er über Land und Leute, besonders auch über die Indianer, deren einfachen Lebensstil er mit offener Sympathie beschrieb. Das Werk enthält auch eine Einführung in die dortige Indianerkultur bzw. -sprache sowie deutsch-indianische Übersetzungen von gängigen Gebeten, außerdem einen Anhang mit Berichtigung weit verbreiteter Vorurteile über Amerika und die Tätigkeit der Missionare. Das bedeutende ethnologische bzw. kulturhistorische Werk wird bis in die Gegenwart beständig in Spanisch und Englisch publiziert, in Deutschland ist es praktisch vergessen und nach 1772 nie wieder erschienen. Zu Ehren von Pater Baegert erhielt 1917 die in mexikanisch Kalifornien entdeckte Unterart einer Meeresschnecke den wissenschaftlichen Namen „Turbonilla Baegerti“

 

 

Titelblatt von Pater Jakob Baegerts "Nachrichten von der amerikanischen Halbinsel Californien", 2. Auflage, 1772, verfasst in Neustadt.

 

 

Die von Pater Jakob Baegert S.J. in mexikanisch Kalifornien selbst gebaute Missionskirche.

 

 Diese 3 berühmten Patres und alle anderen hier tätigen Jesuiten haben am gleichen Altar zelebriert, an dem auch wir nun unsere tridentinischen Messen feiern werden und ihre Liturgie lief in exakt der gleichen Form ab, wie unsere. Denken wir an sie, schließen wir sie in unser Gebet ein und bleiben wir ihnen über die Jahrhunderte hinweg dankbar für ihren Wiederaufbau in Neustadt und ihr rastloses Wirken im Weinberg des Herrn, wo immer man sie hinsandte.

Erwähnt werden soll an dieser Stelle noch Pater Franz-Xaver Trentel S.J. (1730-1804). Er wirkte zwar nicht in Neustadt, ist jedoch eine "Frucht" seiner Jesuiten.

 

Die alte Universität Würzburg, 30 Jahre lang der Arbeitsplatz von Pater Franz Trentel aus Neustadt. Auf dem integrierten Turm der sogenannten "Neubaukirche" (mit 91 Metern der höchste der Stadt) befand sich die Sternwarte, welche der Pfälzer Priester leitete.

 

Trentel wurde in Neustadt geboren und wuchs an der Stiftskirchenpfarrei auf. Er trat 1746, mit 16 Jahren, in die Gesellschaft Jesu ein, wurde Priester und avancierte 1763 zum Professor an der Universität Würzburg. 1771/1772  ließ er sich in der kaiserlichen Sternwarte zu Wien ausbilden, kehrte 1773 nach Würzburg zurück und erhielt dort einen Lehrstuhl für Mathematik und Astronomie. Hier veröffentlichte er auch mehrere Lehrbücher, wovon das "Compendium Algebrae Elementaris" von 1774 ein weit verbreitetes mathematisches Standardwerk wurde und Auflagen bis in die Neuzeit erlebte (letztmalig 2009, ISBN 1-120-27308-0).

 

Titelblatt von Franz Trentels Hauptwerk

 

Ab 1789 leitete Pater Trentel auch die Sternwarte Würzburg. Mit Stolz denken wir an ihn, der als Ministrant in seiner Kinder- und Jugendzeit unzählige Male vor unserem Altar in der Stiftskirche stand, um den Patres beim Heiligen Opfer zu dienen, getreu dem Eingangsvers jeder unserer Messen: "Inroibo ad altare Dei, ad deum qui laetificat juventutem meam - Zum Altare Gottes will ich treten, zu Gott der mich erfreut von Jugend auf".

  

Bekehrung von 4 zum Tode Verurteilten, durch Pater Georg Kaufmann S.J., Seelsorger an der Stiftskirche in Neustadt 

Andreas Räß, Bischof von Straßburg und enger Freund des damaligen Speyerer Oberhirten Nikolaus von Weis, berichtet uns 1869 in Band IX seiner dem Freunde gewidmeten Konvertitenbilder, von einer merkwürdigen Bekehrungsgeschichte in Neustadt.  Die gleiche Begebenheit erwähnt auch der Heimatgeschichtler Friedrich Jacob Dochnahl 1867 in seiner „Chronik von Neustadt an der Haardt“. Beide Schilderungen gehen zurück auf den 1732 im Druck erschienenen Originalbericht von Pater Georg Kaufmann S.J., Seelsorger an unserer Stiftskirche, der bereits im 18. Jahrhundert mehrfach aufgelegt wurde.

Pater Georg Kaufmann stammte aus Graz in der Steiermark, wo er am 1. Mai 1683 geboren war. Am 15. Juli 1703 wurde er zu Mainz in den Jesuitenorden aufgenommen und kam um 1720 als Seelsorger nach Neustadt; dort starb er 1742.

Er berichtet, dass am 10. August 1731 zwei Männer aus Altrip ins Neustadter Gefängnis Marientraut (am Bach hinter dem heutigen Rathaus) eingeliefert wurden, da sie ein homosexuelles Verhältnis hatten. Deswegen wurden sie später vom Gericht zum Tode verurteilt und Pater Kaufmann kümmerte sich um sie, wenngleich sie reformierten Glaubens waren. Im Angesicht des Todes bekehrten sich beide Männer am 2. Weihnachtstag des Jahres 1731 zum Katholizismus und legten im Gefängnis ihr Glaubensbekenntnis ab. Gelassen und gestärkt bereiteten sie sich betend auf den Tod vor und bekamen von Pater Kaufmann die Weisung auch für ihre beiden weiblichen Mitgefangenen zu beten, die ebenfalls auf die Vollstreckung des Todesurteiles warteten. Es waren dies die 2 Neustadter Frauen Esther Grünhag und Anna Barbara Jacque, beide seit Sommer 1731 wegen Kindstötung eingesperrt. Auch diese beiden Frauen konvertierten zum katholischen Glauben.

 

  

Gefängnisturm Marientraut in Neustadt; hier saßen die Gefangenen ein und bekehrten sich. 

Die Männer wurden am 25. Januar 1732 an der Papiermühle vor der Stadt enthauptet, ihre Leiber verbrannt und die Asche in den Speyerbach gestreut. Laut den Schilderungen seien sie gefasst und voller Frömmigkeit zur Richtstätte geschritten, ermutigt von den beiden eingekerkerten Frauen, die sie um ihre Fürbitte am Throne Gottes gebeten hätten, wo sie ja noch vor ihnen erscheinen würden. Esther Grünhag habe beim Abschied wörtlich gesagt: „Wir nehmen auf kurze Zeit nur voneinander Abschied, denn heute über acht Tage werden wir im Himmel beisammen sein.“ Beide Männer beichteten vor ihrem Tod reumütig und beteten innig am Richtplatz. Der eine bat Pater Kaufmann, ihm das schöne Gebet „Ich glaube an Gott in aller Not“ vorzusprechen, während man ihn hinrichtete und er habe beständig voller Sehnsucht zum Himmel aufgeschaut. Die Zuschauer waren erschüttert über diese ungewöhnlichen Enthauptungen, die nicht schreiend, tobend und fluchend abgingen, wie sie es sonst gewohnt waren, sondern in erbaulicher Frömmigkeit.

 

Titelblatt des Büchleins von Pater Georg Kaufmann aus Neustadt (Auflage 1739)

 

Noch außergewöhnlicher waren die Urteilsvollstreckungen bei den beiden Konvertitinnen. Am 28. Januar 1732 wurde ihnen der 1. Februar als eigener Hinrichtungstermin verkündet. Beide Frauen hätten das Urteil willig angenommen und sogar begrüßt. Esther Grünhag entgegnete: „Gott sei unendlich Lob und Dank gesagt, darauf bin ich schon längst entschlossen und wünsche jetzt nur noch, dass die Stunde nahe bevor stehe.“ Die Verurteilten waren so fröhlich, dass es dem Amtsschreiber deswegen unheimlich wurde und er Pater Kaufmann rufen ließ. Er bezeugt selbst, was Esther Grünhag bei dieser Gelegenheit zu ihm sagte: „O Ihr Ehrwürden, es wird uns ja doch keine Sünde sein, dass wir gar zu fröhlich sind, denn Gott weiß, dass es keine eitle Freude ist, sondern weil wir die sichere Hoffnung haben, bald der ewigen Seligkeit anzugehören.“ Er antwortete: „Ich sehe, dass Gott schon völlig Herr über Euer Herz und Gemüt ist. Aber habt acht, dass ihr wegen dieser großen Gnade euch nicht überhebet. Gedenket dass es natürlicher Weise unmöglich ist, als ein Mensch und noch dazu als ein junges Mädchen, beim Anblick des Todes nicht das geringste Entsetzen zu fühlen. Man muss überzeugt sein, dass dies alles allein von oben kommt. Deswegen gebt Gott die Ehre und haltet Euch fest an ihn, er wird sich kein haarbreit von Euch entfernen.“

Als die Bürger vom Glauben und dem Starkmut der beiden Todeskandidatinnen hörten, setzte laut Pater Kaufmann förmlich eine Wallfahrt zum Gefängnisturm Marientraut ein. Besonders stark entwickelte sich der Andrang von Personen aller Konfessionen am Vorabend der Hinrichtung. Jeder wollte ein Andenken an die beiden Frauen besitzen, die Katholiken sahen es förmlich als eine Reliquie an. Deshalb brachte man Rosenkränze und Heiligenbildchen herbei, die beide Verurteilte den Leuten schenkten. Studenten schrieben zudem in ihrem Auftrag Andenkenzettelchen, da sie selbst nicht schreiben konnten. In der alten Originalbroschüre von Pater Georg Kaufmann heißt es dazu: „Den Nachmittag darauf ware schier in den Gefangnuß nicht mehr aus- oder einzukommen; dan fast die halbe Stadt hinauß lieffe und das grosse Wunder an diesen zweyen jungen Kindern sehen wolten, daß so gar die geringste Forcht des Todts bey ihnen nicht seye; und weil alle sahen, daß dieses natürlicher Weiß nicht seyn konte, sondern daß Gott übernaturlich durch seine Gnad in ihnen würckte, hatte nicht allein niemand das geringste Abscheuen wie man sonst bey Malefiz-Personen natürlicher Weiß zu haben pflegt, sondern achteten sich vor ein Glück und gröste Freud mit ihnen zu reden, und wolten alle und jede so wohl Reformirte als Catholische ein kleines Denck-Zeichen von ihnen haben. Deßwegen die Geistliche ihnen viele Rosenkräntz, Bilder, Gebettlein, Lieder und dergleichen zugebracht, dieselbige auszutheilen, und weil ein jechlicher ihre Nahmen gern hätte unterschrieben gehabt, sie aber nicht schreiben konten, haben etliche Studenten in der Wachtstuben die Zettel also unterschrieben: Anna Barbara Jacquin und Esther Grünhagin, da sie den 1. Februar 1732 die Reiß in den Himmel angetretten. Alle diese, wiewohl über zwey hundert Exemplaria, kleckten dannoch nicht dem Verlangen so vieler Menschen genug zu thun, und wurden ihnen deßwegen von einer Guthätigen Hand auß einem Kramladen noch etliche Dutzend Rosenkräntz verehrt, welche alle noch selbigen Abend außgeteilt worden.“

Beide Frauen brachten die Nacht im Gebet zu und wurden am 1. Februar, morgens, zur Richtstätte geführt. Zuerst Anna Barbara Jacque, die unterwegs so laut und fromm betete, dass die Leute am Straßenrand sagten, solange Neustadt stehe, sei dort noch niemals so andächtig gebetet worden. Auf dem Richtplatz empfing sie von Pater Kaufmann nochmals die Absolution. Vor allem Volk betete sie laut das Apostolische Glaubenbekenntnis und fuhr dann fort: „Ich sage hier allen Anwesenden tausend gute Nacht, will fleißig für sie beten, absonderlich für jene, die mir Gutes getan haben. Ich bitte auch alle und jede um Verzeihung, wenn ich vielleicht einen oder anderen mit meinem sündigen Leben geärgert, oder ihm sonst Leids getan, gleichwie ich auch von Gott Verzeihung meiner Sünden erbitte. Ich sterbe von Grund meines Herzens gern, bin ganz getrost und aufgemuntert wie ihr seht. Diesen Trost und die Ruhe meines Herzens schreibe ich niemanden anderem  als dem katholischen Glauben zu, welchen ich durch Gottes Gnade erkannt und angenommen habe und in dem ich jetzt sterbe und zu meinem Gott komme.“ Sie nahm freiwillig auf dem Richtstuhl Platz und der Scharfrichter benötigte vier Hiebe um ihr den Kopf völlig abzuschlagen.

Auch Esther Grünhag schritt laut betend zum Richtplatz. Auf dem Markt, bei der Stiftskirche wurde ihr nochmals das Todesurteil verlesen, wonach sie dem Amtsschreiber ihren Rosenkranz schenkte, mit den Worten: „Ich bedanke mich für das gnädige Urteil und für alle Guttaten die ich von Ihnen empfangen habe. Nehmen Sie dieses Gedenkzeichen von mir an, ich werde im Himmel fleißig für Sie beten.“

Pater Kaufmann fiel auf, daß die Frau zwar laut betete, dazwischen aber immer wieder innehielt und streckenweise schwieg. Er fragte sie, ob er ihr helfen könne bzw. ob ihr nicht wohl sei, worauf sie entgegnete, es fehle ihr nichts, vielmehr setze sie manchmal mit dem äußeren Gebet aus um innerlich über den Inhalt nachzudenken und ihn in sich zu vertiefen. Unterwegs kamen sie am Haus des Anwalts Paraquin vorbei, dessen Frau die Verurteilte herausrufen ließ um sie zu umarmen, ihr für alles Gute zu danken und ihr zu versprechen, schon bald im Himmel für sie zu beten.

Als sie den Hinrichtungsplatz erreichten fragte Esther Grünhag ob ihre Freundin Anna Barbara Jacque bereits tot sei, was man bejahte. Darauf antwortete sie: „Dann will auch ich hingehen“, kniete nieder und empfing von Pater Kaufmann die letzte Absolution. Da sah sie die Frau des Stadtknechtes, die vor Erregung zitterte. Sie trat auf sie zu und bat sie, sich zu beruhigen mit den Worten: „Warum zittert ihr? Ihr seht ja, dass ich nicht die geringste Furcht und Angst habe; werde ich ja doch bald bei Gott sein!“ Dann steckte sie die zwei Flügel ihrer weißen Haube mit Nadeln hoch, damit sie dem Scharfrichter nicht hinderlich seien. Sie ging selbst zum Richtstuhl und setzte sich darauf. Als sie der Henker ansprach, sie solle sich binden lassen und sich nicht wehren, gab sie ruhig zur Antwort: „Tut Euer Amt, bindet mich, wie ihr wollt, ich werde mich nicht im Mindesten weigern.“ Dann betete sie laut das Lied „Ich glaub an Gott“ und bei der letzten Strophe wurde sie mit einem einzigen Schwertstreich enthauptet.

 

 

Jesus und die reuigen Sünder, von Peter Paul Rubens

 

Die hingerichteten Frauen wurden unter großem Trauergeleite noch am selben Tag von Pater Caspar Weismüller S.J. auf dem katholischen Friedhof begraben (am heutigen Hetzelplatz). Die Zeugen waren der übereinstimmenden Meinung, beide seien wie Heilige gestorben und man dürfe sie sicher fürbittend anrufen. Ebenso äußerten verschiedene Personen, jetzt erst richtig an die Tapferkeit der ersten Christen zu glauben, von denen man oft berichtet, wie mutig und freudig sie dem Tode ins Auge blickten. Nun da man so etwas Wunderbares selbst gesehen habe, falle es nicht mehr schwer daran zu glauben.

Pater Georg Kaufmann zögerte nicht, der Nachwelt aufzuzeichnen, was er selbst als Priester in Neustadt erlebt hatte und es bewegte ihn zutiefst bis an sein eigenes Ende. Am Schluß seines Berichtes richtet er ein Nachwort an „Laue Catholische“ und an „Eyffrige Catholische“. Diese Kurzpredigt eines unserer früheren Neustadter Seelsorger, über die Lehren welche wir aus dem Geschehnis ziehen sollen, folgt hier im Wortlaut; ihr ist nichts hinzuzufügen: 

Viel laue Catholische, welche nur dem Namen und nicht der That nach Catholisch seynd, können aus dem Eyffer dieser zwey zu dem Catholischen Glauben erst so kurtz bekehrten jungen Kinder einen heilsamen Schrecken und Furcht schöpffen, über ihre Lauigkeit und bey sich gedencken: Was fuer ein schwere Rechenschafft werde ich einmahl vor dem strengen Richterstuhl Gottes geben mussen, dass ich, in der Catholischen Religion erzogen und gebohren, meinem GOTT in dem Leben bishero so lau, und nachlässig gedient hab! O wie werden mich, wann ich in dieser Lauigkeit verharren sollte, diese zwey jungen Kinder einmal vor GOTT zu schanden machen.

Die eyffrige Catholische endlich können in Betrachtung dieses so seligen Hinscheidens ihren Eiffer und Begierd GOTT zu dienen jedesmahl erneuern und sich auffmunteren, alle Beschwernissen eines frommen und Christlichen Lebens durch die Gnad und Lieb Gottes also zu überwinden; damit ihnen auch einmahl der barmhertzigste GOTT in ihrem Sterbstündelein einen wahren Trost, und vollkommene Ruhe ihres Gewissens, und nach diesen die Cron der Gerechtigkeit, und ewige Seeligkeit gebe und mittheile. Amen. 

 

 

Die Franzosenzeit, Bischof Joseph Colmar und Kaplan Weckesser

 

Zum 15. November 1773 ward das Päpstliche Breve über die Aufhebung des Jesuitenordens in der Pfalz umgesetzt. Pater Balthasar Soherr blieb als Ex-Jesuit Stadtpfarrer an der Stiftskirche, unterstützt von Pater Edmund Voit, dem letzten Rektor des Neustadter Kollegs und ehemaligen Provinzialoberen. Am 12. Oktober 1781 übergab Pater Soherr das Kolleg an den Orden der die Jesuiten ablösenden Lazaristen, amtierte jedoch weiter als Stadtpfarrer und dotierte für sich ein Jahrgedächtnis zu seinem Todestag, in der Stiftskirche. Ihm folgte der Jesuit Franz-Xaver Weckesser, welcher bei seinem Tode 1785 testamentarisch den Betrag von 100 Gulden gab, um für sich, seine Mutter und seinen verstorbenen Vater Michael Weckesser, ehedem kurfürstlicher Regierungssekretär in Mannheim, an der Stiftskirche ein Jahrgedächtnis festzusetzen. Franz-Xaver Weckesser war der letzte der früheren Jesuiten, seine Familie stammte aus der Stadt.

 

 

 Schrein mit dem unverwesten Leib des Hl. Vinzenz von Paul, dem Gründer der Lazaristen, in der Kirche St. Lazare zu Paris. 

 

Stadtpfarrer an unserer Kirche wurde nun der Lazaristenpater Wilhelm Theobald, der die katholische Stiftskirchengemeinde mit großem Geschick durch die folgenden Revolutions- und Kriegswirren führte. Theobald stammte aus dem damals kurpfälzischen Bacharach, wo er 1726 geboren war. Nach dem Tode von Pater Franz Xaver Weckesser S.J. hatte ihn Kurfürst Carl-Theodor, in Absprache mit dem Speyerer Bischof Damian August von Limburg-Styrum, zum Pfarrer an der Stiftskirche ernannt. Beim Einfall der Franzosen 1793 und der damit einsetzenden Kirchenverfolgung bewahrte der Lazarist Wilhelm Theobald, mit verschiedenen ihm zugeteilten Kaplänen, unter ständiger Lebensgefahr, das katholische Gemeindeleben Neustadts. Öfter musste er mit seinen Hilfspriestern fliehen, z.B. ins rechtsrheinische Mannheim, kam jedoch immer in gewissen Abständen heimlich in die Stadt und spendete die Sakramente. Über Mittelsmänner aus dem Laienstand hielt er ununterbrochen Kontakt mit seiner Pfarrei, in die er 1797 dauerhaft zurückkehren konnte. Einer seiner letzten Kapläne war Jakob Junngkenn aus Mannheim, der auch sein Nachfolger als Neustadter Pfarrer wurde. Pater Theobald amtierte zudem als Provinzial des Rheinpfälzischen Zweiges seiner Kongregation. Altersbedingt verließ er 1798 seine Pfarrstelle und siedelte als Pensionär nach Heidelberg um. Ein zeitgenössisches Gutachten im Generallandesarchiv Karlsruhe sagt über ihn, "er ist ein verdienstvoller alter Mann, dabei Pfälzer...", weshalb er einer angemessenen Pension würdig sei. Pater Wilhelm Theobald starb am 30. April 1816 in Rastatt und wurde vom dortigen Pfarrer Ignaz Demeter, dem späteren Erzbischof von Freiburg begraben. Der Lazarist hatte auch alle liturgischen Geräte (Monstranz, Kelche, Silberleuchter etc.) der Neustadter Stiftskirche nach Mannheim gerettet. Nur seiner Umsicht ist es zu verdanken, dass sie heute noch existieren und nicht in die Hände der plündernden Revolutionäre fielen. Der Historiker Alban Haas hat Pater Theobald und sein herausragendes Wirken eingehend in dem Buch "Die Lazaristen in der Kurpfalz" (1960) gewürdigt.

 

                                 

 

Monstranz und Prachtkelch aus der Stiftskirche, vor den französischen Revolutionären für die Neustadter Katholiken gerettet, von Pater Wilhelm Theobald.  

 

Friedrich Jacob Dochnahl berichtet 1867 in seiner "Chronik von Neustadt" einige beispielhafte Episoden, wie die französischen Republikaner dort hausten:

„1793, am 31. Dec. Nachmittags 2 Uhr rücken die Franzosen mit solchem Ungestüm hier ein, daß sich alles entsetzt. Nun beginnt sogleich das Rauben und Plündern; sie fallen in die Häuser, leeren die Speicher, Kisten und Kasten, stehlen die Kleider vom Leibe, besonders Hemden, brechen die Keller auf, lassen vielen Wein laufen, nehmen alles, Brod, Fleisch, die Pferde aus den Ställen, Hühner, Gänse, Enten, Schweine, die sie schlachten und sammt den Federn und Haaren mit fortschleppen; wer eine Sackuhr trägt, muß sie herausgeben und alles, was er bei sich hat; sie setzen mit Drohungen, mit Gewehren und Pistolen den Bewohnern so zu, daß manche ihr Bischen vergrabenes Geld wieder holen und denselben übergeben. Die Kirchen und Klöster werden sammt den Grabsteinen sogleich verheert und zerstört, alle Bilder, Crucifixe etc. zerhauen und zerschlagen, auf Kanzeln und Altären die größten Schweinereien und sonst alle möglichen Gottlosigkeiten durch Lästerworte, Verfluchungen gegen Gott und alle Religion ausgeübt.“

„1794,  2. Februar. Auf Befehl des französischen Commissärs Rougemaitre wird der König David und die zwei Engel von der Orgel in der reformierten Kirche abgenommen und mit den Bildern aus der katholischen Kirche auf dem Marktplatze verbrannt.“

„1794 30. Juli. Das Hauptquartier der Franzosen wird Abends von Diedesfeld nach Neustadt verlegt. Mittags begibt sich der General Prieur mit einigen jungen Leuten, die er bei sich hatte, auf das Hambacher Schloß, zerstört und verbrennt die Michaelscapelle daselbst und läßt den Brand hüten, damit niemand sich nahen und löschen kann. Einer dieser Herren bindet das Bild des heil. Michaels an den Schweif seines Rosses und jagt damit durch Hambach zur Zechstube.

 

 

Zerschlagene Grabplatte von Pfalzgraf Rudolf II. in unserer Kirche: "31. Dezember 1793. Die Kirchen und Klöster wurden samt den Grabsteinen sogleich verheert und zerstört, alle Bilder und Cruzifixe zerhauen und zerschlagen" (Dochnahl, Chronik von Neustadt, 1867)

 

 Am 17.10. 1797 fiel durch den Vertrag von Campo Formio das linke Rheinufer auch staatsrechtlich an Frankreich. Neustadt wurde eine französische Stadt. Als nach dem Abflauen der Revolution das kirchliche Leben wieder in halbwegs geordnete Bahnen gelenkt werden konnte, einigte sich Papst Pius VII. im Konkordat von 1801 mit der Regierung dahingehend, dass in ganz Frankreich – also auch in der nun dazu gehörenden Pfalz – die alten Bistümer aufgelöst und neue, mit den politischen Départements deckungsgleiche, geschaffen würden. Bischofssitz sollte jeweils die Hauptstadt des politischen Départements sein. Neustadt schlug man – wie den größten Teil der Pfalz – zum Département du Mont-Tonnerre (Departement Donnersberg) mit Sitz in Mainz. Deckungsgleich wurde dort das neue Großbistum Mainz geschaffen, aus Gebieten der früheren Diözesen Mainz, Worms, Speyer und Metz. Erster und einziger Bischof dieser französischen Diözese, die nur bis 1817 bestand, da Frankreich jene Gebiete 1815 wieder verlor, war der Elsässer Joseph Ludwig Colmar (1760-1818), ein heiligmäßiger Mann von großem Eifer und noch größerer Herzensgüte. Er hatte während der Revolution als Untergrundpriester gewirkt und mehr als einmal in Todesgefahr geschwebt. Colmar erneuerte das kirchliche Leben in unserer Heimat grundlegend und gründete 1803 in Mainz ein Priesterseminar unter Regens Bruno Franz Leopold Liebermann, aus dem allein drei zukünftige Bischöfe (Nikolaus von Weis, Johann Jakob Geissel und Andreas Räß) sowie vielerlei andere Prälaten hervorgingen. Das Seminar galt als dezidiert katholisch, antiaufklärerisch und besonders romtreu. 

 

 

Bischof Joseph Ludwig Colmar, ein heiligmäßiger Mann, der 1806 an unserem Altar in der Stiftskirche das Hl. Messopfer feierte.  

 

Joseph Colmar hatte dieses Jahr gerade seinen 250. Geburtstag und der Theologieprofessor Georg May hielt ihm bei einem Festakt mit Kardinal Lehmann, am 22. Juni 2010 eine Gedenkrede. Darin führte der bekannte Kirchenhistoriker u.a. aus: Gegenüber den Herausforderungen seiner Zeit bewährte sich Colmar als Mann des Glaubens mit großer Charakterstärke. Er war fromm ohne Konzessionen an den Zeitgeist und besaß religiöse Wärme. Schmiegsam und diplomatisch hielt er sich aus der Politik heraus, wahrte kirchenpolitisch strikte Unabhängigkeit dem Staat gegenüber und brachte als „Ultramontaner“ dem Heiligen Stuhl radikale Treue entgegen. Mit einem ausgesprochenen Realitätssinn erfüllte er tatkräftig und weitblickend, von apostolischem Eifer bewegt, seine Aufgaben als Bischof. Als begabter Redner gelang es ihm in seinen Predigten wirklich die Herzen der Menschen zu erreichen. Er vermochte zu entzünden, weil er selbst brannte, konnte ergreifen, weil er selbst ergriffen war. Colmars Zeit glich in mancher Hinsicht der heutigen. Der Bischof  wusste, dass er bei seiner Verkündigung Menschen vor sich hatte, die von Unsicherheiten und Zweifeln geplagt wurden und hatte seine Predigten auf diese Zuhörerschaft eingestellt. Es gibt kaum eine Predigt, in der er nicht auf die Angriffe der Feinde der Kirche und der Widersacher des christlichen Glaubens einging. Mehr noch als durch Wort und Schrift wirkte Bischof Colmar durch seine Persönlichkeit und seine Charakterstärke. Er war ein Mann von starker Selbstdisziplin und immer offen für die Anliegen der Menschen. Völlig uneigennützig und persönlich bedürfnislos, konnte er mit seinen Einkünften eine ausgedehnte Liebestätigkeit unterhalten...“ 

 

In der Umgebung von Bischof Colmar befanden sich auch 2 Neustadter Bürgerkinder aus der Stiftskirchengemeinde, nämlich die beiden Brüder Franz Philipp und Johann Nepomuk Weckesser, Söhne des Amtsschreibers und späteren Bürgermeisters Andreas Weckesser. Bei der Typhusepidemie im Winter 1813, die in Mainz durch die zurückflutende, französische Armee, nach der Leipziger Völkerschlacht ausgelöst wurde, pflegte Colmar mit seinen Priestern und Seminaristen persönlich die Kranken und Sterbenden, die oft hilflos, in Lumpen gehüllt, in Scheunen, Hinterhöfen und Kellern dahinsiechten. Auch der Kaplan von St. Ignaz in Mainz, Franz Philipp Weckesser aus Neustadt, infizierte sich dabei an der Seite Colmars und starb. Daraufhin schrieb der Oberhirte dem Vater Andreas Weckesser in Neustadt einen rührenden Brief, der bei Franz-Xaver Remling in der „Neueren Geschichte der Bischöfe zu Speyer“ (Seite 172-173) abgedruckt ist. Dort heißt es u.a.: „Im Namen Jesu! Theuerster Herr Weckesser! .... Trauern sie nicht zu sehr. Ihr lieber Sohn lebt und lebt in ewiger Freude, um nie mehr zu sterben. Sein Herz wird nimmer trauern, sein Auge keine Thräne mehr vergiessen. Er besitzt ALLES was wir wünschen können, ALLES was uns wahrhaft glücklich machen kann. Er kennt uns noch, er liebt uns noch, er betet für uns, er erwartet uns! Er hat sein Ziel erreicht; er hat es überstanden; er lebt, er lebt glücklich, er lebt ewig sich freuend in Gott, mit allen Heiligen. Lieber Vater – Sie haben einen Heiligen im Himmel! Ihr Sohn war ein unvergleichlicher Priester. Er starb als Opfer seiner Pflicht und seines Standes. Er hat manche Thräne getrocknet, manche Herzen erquickt, manche Seele gerettet, ehe er zu Gott ging. Er war reif, seine Krone war fertig, sein Thron im Himmel bereit! Auch starb er als Held; keine Klage, nichts als heiliges Verlangen, bei seinem so guten Gott zu sein.... Ich schätze, segne, umarme Sie alle und ersuche Sie, als ihren besten Freund mich anzusehen. Der liebe junge Sohn, der noch studiert, soll ganz besonders mein Sohn sein. Ich werde väterlich für ihn sorgen... Ihr Sohn selbst, der nun im Himmel ist, wird gerne sehen, dass Vater, Mutter, Schwester, Bruder, Freund und Bekannte, alle, alle, alle in Gott sich erfreuen. Ihr guter Freund, + Joseph Ludwig, Mainz, den 1. Dezember 1813“

 

 

Der Seminarist Matthias Raufenbarth; ebenso wie der Neustadter Priester Franz Philipp Weckesser infizierte er sich bei der Krankenpflege in Mainz mit Typhus und starb am 21. November 1813. Sein Grabdenkmal ziert heute den Innenhof des Mainzer Priesterseminars.

                           

Bei dem „lieben, jungen Sohn, der noch studiert“ handelte es sich um Johann Nepomuk Weckesser (1798-1872), später Pfarrer und Dekan in Maikammer, ab 1869 Emeritus in Neustadt.

Schon am 3. Mai 1806 war Bischof Colmar in Neustadt gewesen, hielt sich 2 Tage dort auf, firmte bzw. predigte in der Stiftskirche und feierte dort das Hl. Opfer. Wie es seine Gewohnheit war, besuchte er persönlich viele Kranke und auch den protestantischen Pfarrer des Ortes, was er nirgends versäumte, da er sehr leutselig war und demonstrativ jeden in seine Liebe mit einschließen wollte. Anlässlich dieses Besuches hatte Bischof Colmar bei der genannten Familie Weckesser logiert.

 

 

Pluviale und Bischofsstab von Joseph Colmar, die er wahrscheinlich auch bei seinem Besuch in Neustadt benutzt hat. Beides waren Geschenke Napoleons und seiner ersten Frau.    

 

Über Joseph Colmar sagte bei dessen Tod der Speyerer Bischof Nikolaus von Weis, Urgroßonkel unseres Hauptzelebranten Domkapitular Msgr. Dr. Nobert Weis: „Ich habe nicht für den Verstorbenen zu beten vermocht, weil mir der Gedanke -- wenn dieser Vater und Hirte kein Heiliger ist, dann gibt es kaum einen -- so lebendig vor dem Geiste stand".

 

 

Grabstein von Pfarrer Jakob Jungkenn, von 1797 bis 1820 Seelsorger an der Stiftskirche Neustadt.

 

Während der ganzen französischen Zeit, unter Bischof Colmar, war Jakob Jungkenn (1766-1820) aus Mannheim der katholische Pfarrer an unserer Stiftskirche; ein sehr angesehener, freundlicher und frommer Mann. Er kam bereits 1797, in den Wirren der Revolution, als Hilfspriester des Lazaristen Wilhelm Theobald hierher und erlebte noch die Vertreibung der Franzosen bzw. die Einverleibung der Rheinpfalz in das Königreich Bayern, am 14.4.1816. Nach seinem Tode setzte man ihm aus Zuneigung und Respekt, gestiftet von „freiwilligen Beiträgen der hiesigen Bürger“, einen wunderschönen Grabstein, der sich heute an der Außenseite der Marienkirche befindet. Er trägt den Denkspruch: „Er war bei Gott und den Menschen beliebt, sein Andenken bleibe noch immer gesegnet. Ecclesiasti XLV, Cap. IV.” Im Buch Ecclesiasticus heißt es an dieser Stelle: „Ob seiner Treue und Ergebenheit erkor er ihn aus allen Menschen.“ 

 

Mit Bischof Joseph Ludwig Colmar hat 1806 ein wahrhaft heiliger Mann in unserer Kirche zelebriert und gepredigt. Den aus der Stiftskirchenpfarrei stammenden Priester Franz Philipp Weckesser, der sich für die Typhuskranken in Mainz opferte, hat uns Colmar selbst als himmlischen Fürsprecher empfohlen. Rufen wir also beide voll Vertrauen an, damit sie unsere Gemeinde als Patrone begleiten mögen. 

 

 

Pfarrer Bruno Würschmitt, Priester und Naturkundler 

 

Dem noch recht jung verstorbenen Ortsgeistlichen Jakob Jungkenn folgte in Neustadt Bruno Würschmitt als Pfarrer der Stiftskirche, ein theologisch und wissenschaftlich gleich hoch stehender Mann, den man danach direkt ins Speyerer Domkapitel berief. Bruno Würschmitt war der Sohn von Ivo Franz-Xaver Würschmitt, Kurfürstlich Mainzischer Hofgerichts- und Regierungsrat und dessen Ehefrau Susanna Theresia Fritz; eines von 16 Kindern des Ehepaares. Anlässlich der französischen Eroberung von Mainz flüchtete die Familie 1793 nach Erfurt. Dort wuchs der Junge auf und besuchte das Gymnasium bzw. die Universität. Am 6. Juli 1814 erhielt Würschmitt in Mainz die Priesterweihe und bezog danach seine erste Stelle als Kaplan an der St. Agathenkirche in Aschaffenburg. Am 5. Februar 1818 wurde Matthäus Georg von Chandelle, der damalige Leiter des Vikariats Aschaffenburg, zum ersten Bischof des unter bayerischer Landeshoheit wiedererstandenen, neuen Bistums Speyer ernannt. Im Zuge des Wechsels Chandelles von Aschaffenburg nach Speyer nahm er auch einige ihm vertraute Priester mit. Einer jener Priester war Bruno Würschmitt. Ab 1819 kurzfristig Seelsorger von Haßloch, wirkte er von 1820 bis 1826 als „eifriger Stadtpfarrer und umsichtiger Distriktsschulinspektor“ in Neustadt, wie es im Nachruf heißt.

 

 

 

  

 Scherenschnitt, Bruno Würschmitt als 12-Jähriger, gefertigt von seinem Bruder Bernhard

 

Nach dem Ableben des Domherren Kraus wählte das Speyerer Domkapitel Bruno Würschmitt einstimmig zum Domkapitular. Die Einführung in das neue Amt erfolgte am 23. September 1827 durch Chandelles Nachfolger, Bischof Johann Martin Manl. Der junge Domherr hatte neben seiner Tätigkeit als Domkapitular auch die Professur für Dogmatik und Homiletik am Klerikalseminar Speyer inne, außerdem war er ein gefragter und weithin bekannter Prediger. Bischof Manl wählte ihn regelmäßig als seinen Begleiter zu den Treffen der bayerischen Bischöfe in Würzburg. 

 

Das Jahr 1839 brachte eine wichtige Änderung in der Lehrtätigkeit des Geistlichen. Der Jahresbericht des Lyzeums Speyer konstatiert die Ernennung des durch seine „naturgeschichtlichen Kenntnisse und seine Sammlungen berühmten Domkapitulars“ Würschmitt, zum „Professor der Naturgeschichte der drei Reiche“ an den philosophischen Kursen der Anstalt. Wie die Jahresberichte weiter melden, las der Domherr Mineralogie, Geologie und Geognosie (=Erdgeschichte und Gesteinskunde), sowie Zoologie und Botanik. Seine reichhaltigen Sammlungen und zahlreiche Exkursionen in die Natur, unterstützten und ergänzten den Unterricht. Eine Würdigung sagt über ihn: „Er verstand es meisterhaft, mit seinen jungen Freunden an Ort und Stelle die Verhältnisse zu studieren, die Beziehungen der einzelnen Lebewesen zueinander zu erforschen, die Sinne der studierenden Naturfreunde zu schärfen und empfänglich zu machen für die Schönheit der Schöpfung“. Professor Würschmitt pflegte diesbezüglich regen Gedankenaustausch mit gleichgesinnten Naturfreunden in nah und fern; in Speyer besonders mit dem Entomologen Johann Michael Linz, mit dem Subregens am Klerikalseminar Laforet und mit dem Regens des Schullehrerseminars dem späteren Bischof Konrad Reither, der ebenfalls ein begeisterter Naturkundler war. Auswärts verkehrte er besonders mit den Heidelberger Universitätsprofessoren Gottlieb Wilhelm Bischoff und Heinrich Georg Bronn. Am 6. November 1840 versammelten sich in Bad Dürkheim 26 Naturfreunde bzw. Naturforscher und folgten der Anregung von Dr. Carl Heinrich Schultz aus Deidesheim, den „Naturwissenschaftlichen Verein der Bayerischen Pfalz“ zu gründen, welcher nach dem berühmten Kaiserslauterer Forscher und Arzt Johann Adam Pollich den Namen „Pollichia“ erhielt. Auf dieser Tagung war auch Domkapitular Bruno Würschmitt anwesend, der sich in naturwissenschaftlichen Kreisen besonders als Ornithologe und Mykologe hoher Achtung erfreute. Die Pollichianer sahen in Würschmitt, „den geistvollen anspruchslosen Forscher mit dem fast unscheinbaren Aussehen, dessen Sachlichkeit, Festigkeit des Urteils und reine Heiterkeit - die Frucht edler Welt- und Selbstüberwindung - wohltuend berührte und anzog“, wie es in einer alten Veröffentlichung der Speyerer Pollichia Ortsgruppe heißt. Würschmitt galt als genauester Kenner der heimischen Kryptogame, d.h. Farne, Schachtelhalme, Moose Algen, Flechten und Pilze. Überhaupt hatte der Priester den Pilzen seine ganz besondere Neigung zugewandt. Bei jeder Witterung durchstreifte er die Natur um die heimatlichen Schwämme zu erfassen, wobei ihm eine „scharfe Beobachtungsgabe“ nachgesagt wurde, „mit der er das Kleinste sah, ohne den Zusammenhang mit dem Ganzen zu verlieren“. Als Frucht seiner langjährigen pilzkundlichen Studien erschien sein Buch: „Die Schwämme der Heimat“.

 

 

Grabstein von Domkapitular Bruno Würschmitt, mit Hostienkelch und Naturdarstellungen

 

Seinem arbeitsreichen Leben setzte ein früher Tod das Ende. Als er – wie er es 30 Jahre lang zu tun pflegte - in Speyer die Domkanzel bestieg, erlitt er einen „Herzkrampf“ (so der zeitgenössische Originalausdruck), an dem er in der Nacht vom 5. auf den 6. Dezember 1851 starb. Er wurde auf dem Alten Friedhof zu Speyer beigesetzt. Sein Bruder Bernhard Würschmitt - ebenfalls Priester und berühmter Bildhauer - fertigte ihm einen ganz außergewöhnlichen Grabstein mit Tier und Pflanzendarstellungen. Wegen seiner besonderen Kenntnisse der Kryptogame, sprosst links ein gemeisselter Farn aus dem Stein. Den doppeldeutigen Grabspruch: „Der Fels war Christus“ (1. Kor. 10, 4) wählte er als versteckten Hinweis auf die gleichzeitigen theologischen (dogmatischen) und naturkundlichen (auch geologischen) Qualitäten. Von der Hand seines älteren Künstlerbruders Bernhard Würschmitt stammt auch das einzig erhaltene Bild des Domkapitulars. Es ist ein Scherenschnitt der ihn als 12-jährgen Jungen darstellt. Das Grabdenkmal Bruno Würschmitts ist leider nur noch als Torso vorhanden und befindet sich derzeit auf dem Domkapitelsfriedhof bei St. Bernhard, Speyer. Dennoch ist es nach wie vor beeindruckend und außergewöhnlich. Ein Nachruf des Lyzeums Speyer führt über den Domherrn poetisch aus: „Alle die ihn kannten, werden die Erinnerung an ihn, dessen Seele zwischen Blumen und Blüten lebte, mit segensreicher Frucht für ihr Leben bewahren.“ Während Würschmitts Speyerer Zeit entstand dort das schöne und von uns zum Wettersegen immer wieder gerne gesungene Kirchenlied „Streck aus o Gott die Vaterhand“. Der Dichter ist unbekannt, aber es enthält Passagen wie die nachfolgende und es wäre nicht verwunderlich, wenn sie aus der Feder des naturbegeisterten Domkapitulars stammten: „Durch Dich den Schöpfer aller Welt, durch Dich nur grünen Flur und Feld und jede Blume rufet laut, mich hat der Herr so schön gebaut.“ 

 

   

  Pfarrer Bernhard Magel und König Ludwig I. von Bayern

 

Der nächste Priester der für uns und die Stiftskirche von großer Bedeutung werden sollte ist Pfarrer Bernhard Magel (1795-1863). Er wirkte bereits unter Stadtpfarrer Bruno Würschmitt 1823 als Kaplan in Neustadt und wurde 1839 dessen übernächster Nachfolger.

 

Bernhard Magel war in Ixheim bei Zweibrücken geboren und verlor schon früh beide Eltern. Zuerst übte er das Maurer- und Steinhauerhandwerk aus, dann begann er mit dem Studium und besuchte das Priesterseminar zu Mainz. In Speyer erteilte ihm Bischof Matthäus Georg von Chandelle am 23. Mai 1823 die Priesterweihe. Von seinem Seminaraufenthalt her war Magel befreundet mit den damals dort ebenfalls aufenthältlichen, späteren Speyerer Bischöfen Johann Jakob von Geissel und Nikolaus von Weis. Geissel, der spätere Kardinal, sagte über ihn: „Magel kann den ersten Geistlichen der Diözese beigezählt werden.“

 

 

Pfarrer Bernhard Magel (1795-1863)

 

Bernhard Magel fungierte als Mitglied des Landrates der Pfalz und pflegte Verbindungen zu hochrangigen Politikern und Geistlichen, bis hin zu König Ludwig I. von Bayern, den er persönlich kannte. Bei ihm regte er u.a. die Einführung der Armen Schulschwestern in der Pfalz an.

 

Ohne Pfarrer Magel und seine Verbindungen zu König Ludwig I. hätten wir als altrituelle Gemeinde nie in die Stiftskirche nach Neustadt übersiedeln können. Er überzeugte nämlich den Monarchen davon, dass ihr katholischer Teil als alleiniges Gotteshaus für die stark gewachsene Pfarrgemeinde Neustadt zu klein geworden sei und man eine anderes, größeres brauche, zu dem jedoch die Mittel fehlten. Der Priester regte den Bau einer neuen Pfarrkirche an und setzte zur Durchführung des Planes alle Hebel in Bewegung. Pfarrer Magel erreichte, dass König Ludwig zu dem Projekt 24.000 Gulden zuschoß, die größte Einzelspende, die der Herrscher jemals in der Pfalz machte. Davon errichtete man 1860 – 1862 die benachbarte St. Marienkirche, einen prächtigen, neugotischen Sakralbau, dessen Entwurf auf den Architekten Vincenz Statz, zweiter Werkmeister des Kölner Doms zurückgeht. Das Gotteshaus dient bis heute als Neustadter Pfarrkirche. Der katholische Teil der Stiftskirche sank damals zur Filiale herab und man wollte ihn sogar verkaufen, um Geld für den Neubau zu erlösen. Dies verhinderte der fromme und kunstsinnige Wittelsbacher König, indem er an seine Spende die Bedingung knüpfte, dass die als Grablege seiner Familie erbaute Stiftskirche trotzdem auch weiterhin dem Gottesdienst dienen, ja darin sogar regelmäßig das Hl. Messopfer gefeiert werden müsse. Von dieser Klausel des Monarchen profitiert der Alte Ritus heute in direkter Weise und wir wollen bewusst und freudig diese Bedingung König Ludwigs erfüllen.

 

 

König Ludwig I. von Bayern. Er hat die Stiftskirche Neustadt als katholisches Gotteshaus bewahrt und liebte die Pfalz aus tiefstem Herzen - vergessen wir nicht, für ihn ganz besonders zu beten.    

 

 Am 26. August 1862 nahm Bischof Weis die Weihe der neuen Kirche vor. König Ludwig I. ließ es sich nicht nehmen, dazu selbst zu erscheinen und Pfarrer Magel die Ehre seiner Anwesenheit zu geben. Er war in Begleitung des Großherzogs von Hessen und seiner Tochter, Erzherzogin Hildegard. Bei dieser Gelegenheit besuchte der Bayernkönig auch die Stiftskirche mit den Gräbern seiner Familie.

 

Pfarrer Magel starb bereits bald nach Vollendung und Weihe seines Lebenswerkes, am 7. März 1863. Der besorgte König hatte kurz nach der Kirchweihe noch die Versetzung des schon kränkelnden Priesters in die etwas ruhigere und wohlhabende Pfarrei Oberlustadt veranlaßt. Zum Wechsel kam es aber nicht mehr. Bernhard Magel starb beim Besuch eines Freundes in Darmstadt. Beigesetzt wurde er in der Kapelle des alten katholischen Friedhofs zu Neustadt. Bei dessen Auflösung bettete man den Toten um, an die äußere, nordöstliche Chorwand der Marienkirche, wohin man auch den schönen Grabstein versetzte.

 

 

Grabstein von Pfarrer Bernhard Magel, am Chor der Marienkirche 

 

Ohne es zu wissen, haben Pfarrer Magel und König Ludwig I. unabhängig voneinander unserem späteren Wirken in Neustadt den Weg geebnet. Ohne Magels Initiative und die Freigiebigkeit des Königs wäre die Stiftskirche nicht frei geworden und ohne des Letzteren weise Bedingung hätte man sie uns wohl nicht erhalten. Der Mensch denkt und Gott lenkt, heißt es im Sprichwort. Beide haben gemäß ihrem Denken gehandelt und dadurch die Ratschlüsse Gottes vollzogen, der es so gelenkt hat, wie es nun eintraf. Sie konnten ihr Handeln damals nur sehr begrenzt überschauen und dachten sicher nicht an Ereignisse die 150 Jahre später eintreten sollten. Vor Gott aber sind tausend Jahre wie ein Tag und für ihn war es sozusagen schon in der nächsten „Stunde“.

 

 

 Die Pfarrer Michael Glaser, Josef Hanß und das französische Militär 

 

Zunächst wurde es jedoch still um den katholischen Teil der Stiftskirche. Neben seiner neu erbauten Schwester, der mächtigen Marienkirche führte er ein Schattendasein als Frühmess- und Schulkirche, eine eher ungeliebte Last, aber eine bleibende Verpflichtung infolge des weisen königlichen Entscheids.

 

1885 sollte die stark verschmutzte Kirche gereinigt werden und man entdeckte an der Decke des Chores übertünchte Malereien – unser heutiges Monumentalbild des Jüngsten Gerichtes. Die ziemlich verblassten und beschädigten Gemälde konnten freigelegt werden und blieben zunächst in diesem unbefriedigenden Zustand.    

 

Der Historiker Lukas Grünenwald schreibt 1895 in den Mitteilungen des Historischen Vereins der Pfalz, dass der Sohn König Ludwig I., Prinzregent Luitpold von Bayern im Juni 1894 den von seinem Vater als katholische Kirche geretteten Chor der Stiftskirche besucht hatte und großes Interesse für die dortigen Gräber zeigte. Grünenwald merkte an, der Fürst: „... fragte die ihn begleitenden Herrn mehr, als diese zu beantworten wussten.“

 

1899 kam Dr. Michael Glaser als Pfarrer nach Neustadt. Historisch sehr interessiert, ließ er 1906-07 die Wittelsbacher Gräber öffnen, sowie die historischen Grabplatten herausnehmen und zu deren Schonung an den Wänden platzieren. 1908-10 wurden die gotischen Gemälde an der Chordecke restauriert und in ihren heutigen Zustand gebracht. Prinzregent Luitpold bestritt – offenbar angeregt durch seinen früheren Besuch – den Großteil der anfallenden Kosten. Pfarrer Glaser war jedoch bei all seinen Verdiensten um die Neustadter Stiftskirche völlig einseitig auf die Gotik ausgerichtet und maß der späteren Barockeinrichtung, besonders auch dem kostbaren Hochaltar, wenig Bedeutung zu. Ohne Erlaubnis der königlichen Regierung, die das eigenmächtige Handeln nachhaltig rügte, brach Glaser den Altar ab und zerstörte damit die gewachsene Symbiose zwischen Gotik und Barock. Er platzierte ihn an der rückwärtigen Scheidewand (wo sich heute die Orgel befindet) damit er das gotische Raumempfinden mit den frisch restaurierten Chorgemälden nicht stören sollte. Die Kirche wirkte dadurch aber leer und kahl, der Hochaltar mit seiner Gelbglasgloriole, konzipiert um das Licht der Chorfenster aufzunehmen, stand nun vor einer Wand und hatte seinen Glanz bzw. die barocken Lichteffekte eingebüßt. Auch die wertvolle Barockkanzel ließ Pfarrer Glaser kurzerhand aus der Kirche herausreißen; sie ging für immer verloren. Dafür bestellte er bei dem berühmten Bildhauer Hubert Netzer (1865-1939)  vier schöne Figuren der beiden hier ruhenden Pfalzgrafen bzw. Kurfürsten und ihrer Frauen, aus weißem aus Kelheimer Kalkstein und fügte sie in die seit der Reformation leeren Nischen am östlichen Ende der Langhauswände ein. So hatte man einerseits zwar viel gewonnen, aber dabei auch vieles zerstört.

 

  

Der Priesterschriftsteller Josef Hanß (1871-1957); ein glühender Marienverehrer. Er hat als Pfarrer von Neustadt die Stiftskirche wieder in ihrer heutigen Schönheit hergestellt.

 

Pfarrer Glaser starb 1915, mitten im Ersten Weltkrieg. Sein Nachfolger, Pfarrer Josef Hanß, stellte den katholischen Stiftskirchenchor wieder in seiner alten Schönheit her. Hanß der auch als fruchtbarer geistlicher Schriftsteller wirkte und eine große Anzahl Bücher verfasste, ging sofort ans Werk. Schon am 16. Mai 1917 konnte er dem königlichen Bezirksamt melden, dass der Barockaltar wieder an seinem ursprünglichen Platz im Chor stehe und im November des Jahres erfolgte die Neuweihe durch  Bischof Dr. Ludwig Sebastian. König Ludwig III. von Bayern erhielt aus diesem Anlaß folgendes Telegramm: „Ew. Königlichen Majestät bringen anläßlich der Altarweihe im wiederhergestellten Chor der Stiftskirche, der ehrwürdigen Ruhestätte Wittelsbacher Fürsten, alleruntertänigsten Huldigungsgruß dar, in dankbarer Erinnerung an Euerer Majestät hochseligen Vater, den Wiederhersteller der Kirche und Euerer Majestät hochseligen Großvater, den Erbauer der neuen Kirche. Bischof von Speyer und Stadtpfarrer Hanß, namens der kath. Pfarrgemeinde Neustadt a.H.“

Der König antwortete:„Sehr erfreut über das treue Gedenken bei der Altarweihe im wiederhergestellten Chor der Stiftskirche zu Neustadt a.H. sage ich Ihnen lieber Herr Bischof und Herrn Stadtpfarrer Hanß, für den mir namens der Pfarrgemeinde Neustadt a.H. übermittelten Huldigungsgruß herzlichen Dank. Ludwig“.

 

 

 

Die von Pfarrer Josef Hanß in Imsweiler für die Stiftskirche erworbene Kanzel, die nun auch unsere Kanzel  für den alten Ritus sein wird.

 

Pfarrer Hanß erwarb im nordpfälzischen Imsweiler noch eine passende Barockkanzel und ließ sie an der alten Stelle in der Stiftskirche anbringen. Sie dient nun zukünftig auch als unsere Kanzel. Ebenso schaffte er unsere heutigen Kirchenbänke an und erwarb in Speyer die ehemalige Orgel des katholischen Schullehrerseminars Blieskastel (Walcker, Opus 360), die auf einer später dazugekauften Empore aufgestellt und mit einem ebenfalls käuflich erworbenen Barockprospekt verkleidet wurde. Orgelempore und Prospekt stammen aus der abgebrochenen Pfarrkirche von Philippsburg-Rheinsheim, im Erzbistum Freiburg. Man kann Pfarrer Hanß daher zu Recht dankbar sein, denn nur durch ihn besitzen wir unsere Stiftskirche heute wieder mit allen von uns benötigten Einrichtungsgegenständen. Er hat – ohne es zu wissen, aber sicherlich den Plan der Vorsehung Gottes erfüllend – die direkten Voraussetzungen für unsere spätere Nutzung wieder hergestellt. 

 

 

 

Unser Gotteshaus als französische Garnisonskirche, nach dem Ersten Weltkrieg, geschmückt mit Trikoloren-Fähnchen und mit Hochaltarfigur der Hl. Jungfrau von Orleans.

 

In der Besatzungszeit zwischen 1918 und 1930 diente unser Gotteshaus zudem als französische Garnisonskirche, wobei das Innere reichlich mit blau/weiß/roten Trikoloren geschmückt und im Hochaltar vor dem verdeckten Marienbild eine Statue der Hl. Jeanne d’Arc stand. Kaum einer der dort zelebrierenden französischen Priester oder der hier betenden Soldaten wird wohl geahnt haben, daß die in ihrer Mitte ruhende Pfalzgräfin Margarete von Sizilien-Aragon, die Großtante jener französischen Königin Elisabeth war, deren Sohn, der Dauphine, als Hauptperson von Jeanne d’Arc`s Visionen, von ihr nach Reims geleitet und in ihrem Beisein als Karl VII. zum französischen König gekrönt wurde. 

     

Kurfürstin Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg und St. Aloisius von Gonzaga

In der nördlichen Chorkapelle unserer Kirche befinden sich 2 prächtige Glasfenster, gefertigt 1907 in der Königlich Bayerischen Hofkunstanstalt Joseph Gabriel Mayer zu München. Sie sind dem Heiligen Jesuiten Aloisius von Gonzaga gewidmet und zeigen Szenen aus seinem Leben – nämlich den Empfang seiner Erstkommunion durch St. Carl Borromäus und sein heiligmäßiges Sterben in Rom. Direkt neben diesem letzten Fenster schaut von der sich anschließenden Gewölbedecke des Chores das 600 Jahre ältere Bildnis seiner Verwandten, der Kurfürstin Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg zu ihm hinab.  

Königin und Kurfürstin Elisabeth von Hohenzollern-Nürnberg, an unserer Chordecke. Von ihrem Bruder stammt der Heilige Aloisius Gonzaga ab. 

Gott hat es hier ohne jegliche menschliche Absicht gefügt, dass sich zwei Verwandte in unserer Stiftskirche nahe beieinander fanden, die einen Bogen schlagen vom alten, vorreformatorischen Stift, in die Zeit der Jesuiten, die das katholische Gemeindeleben Neustadts wieder aufbauten, ja sogar bis in die Neuzeit hinein, in der man die Fenster fertigte. 

Kurfürstin Elisabeth, Ehefrau von Kurfürst Ruprecht III. (gleichzeitig deutscher König und Königin) stammte aus dem Geschlecht der Hohenzollern. Ihr Vater Friedrich V. war Burggraf von Nürnberg und ihr Bruder Friedrich VI. (1371-1440) begründete 1417 als Friedrich I. die Dynastie der hohenzollernschen Herrscher der Mark Brandenburg. Dieser Bruder ist auch der leibliche Vorfahre des Heiligen Aloisius. Seine Enkelin Barbara von Brandenburg (1423-1481) heiratete 1433 den Markgrafen Luigi III. Gonzaga von Mantua. Deren Sohn Rodolfo Gonzaga war der Urgroßvater des Heiligen Aloisius.

Kurfürst Friedrich I. von Brandenburg, der Ahnherr des Hl. Aloisius und Bruder Elisabeths von Hohenzollern-Nürnberg.

So hat auch der Heilige Alois über seine gewöhnliche Verehrung hinaus einen besonderen Bezug zu unserer Neustadter Kirche und hängt mit dem pfalzbayerischen Herrscherhaus zusammen. Sowohl Kurfürst Ludwig III. als auch die Fürsten zu Löwenstein sind Blutsverwandte des berühmten Jesuitenheiligen. Oft stellt man St. Alois süßlich abgehoben dar und doch war er ein mannhafter Kämpfer mit tapferem Hohenzollernblut, der so recht in unsere Zeit des sittlichen Niedergangs und der vergötzten Sexualität passt.

Wirklichkeitsgetreues Portrait des Hl. Aloisius, Prinz von Gonzaga

Aloisius von Gonzaga wurde am 9. März 1568 auf dem lombardischen Schloß Castiglione bei Mantua als ältester Sohn des Markgrafen Ferdinand von Gonzaga geboren. Der Vater war spielsüchtig und verschwenderisch, die Mutter jedoch eine fromme Frau. Das achte bis zwölfte Lebensjahr verbrachte der Junge zusammen mit seinem Bruder Rudolph als Page am Florentiner Hofe Franz von Medicis. 1581 bis 1583 lebte Aloisius von Gonzaga zusammen mit zweien seiner Brüder am Hofe Philipps II. von Spanien, als Page des Infanten.

Die himmelschreiende Gottlosigkeit und Sittenverderbnis, die er an den Höfen seiner Zeit erlebte, bestärkten ihn in seiner Berufung sich ganz Gott zu weihen. Angeekelt von den sexuellen Exzessen seiner Zeitgenossen legte er als Zeichen des Widerspruchs ein Keuschheitsgelübde ab und strebte das Priestertum an. 1585 erklärte Aloisius den Verzicht auf das markgräfliche Erbe zugunsten seines jüngeren Bruders Rudolph. Erst nach einer längeren Zeit der Weigerung gab der Vater endlich seine Zustimmung dazu.

Noch im gleichen Jahr trat Aloisius von Gonzaga als Novize bei den Jesuiten in Rom ein. Über die Schriften des Heiligen Petrus Canisius und anderer Jesuiten, besonders aus der Indienmission, hatte er sich für diesen Orden begeistert und strebte dort das Priestertum an. Während einer Pestepidemie arbeitete der Hl. Aloisius freiwillig als Krankenpfleger. Einen auf der Strasse liegenden Siechen trug er auf seinen Schultern zum Spital. Bei seiner Pflegetätigkeit infizierte sich der Heilige. Er schien die Krankheit zwar zu überwinden, doch blieb ein schleichendes Fieber zurück, das ihn drei Monate lang auszehrte. Als der Tod unabwendbar war, teilte Aloisius seinem Bruder mit, er habe eine gute Nachricht erhalten und sang das Te Deum. Am 21. Juni 1591, kurz nach Mitternacht, starb St. Aloisius an der Pest.

St. Alois trägt einen Pestkranken ins Spital

Er  wurde in der Auferstehungskirche in Rom bestattet und schon bald als Heiliger verehrt. Man überführte seine Gebeine in die römische Kirche San Ignazio di Loyola wo sie noch heute in einem Schrein aus blauem Lapislazuli ruhen. Das Haupt kam in seine Heimat Mantua. 1605, nur 14 Jahre nach seinem Tod, sprach ihn Papst Paul V. selig. Am 31. Dezember 1729 erhob Benedikt XIII. den Jesuitennovizen zum Heiligen und Schutzpatron der Studenten; 1926 erklärte Pius XI. St. Aloisius zum Schutzheiligen der christlichen Jugend schlechthin.

Kopfreliquie des Hl. Aloisius von Gonzaga in Mantua.

Grabaltar des Hl. Aloisius in Rom.

Rufen wir den Heiligen Aloisius in unserer Kirche gerne und oft als Fürsprecher an. Er ist nicht der verzuckerte und entrückte Heilige, als den man ihn gerne verunstaltet. Er hat alle Sittenlosigkeit und Perversionen um sich herum erlebt und gekannt. Doch er widersetzte sich bewusst und wandte sich angewidert ab, um zu zeigen, dass es auch andere Lebensformen gebe, etwa die, Gott ein Leben sexueller Enthaltsamkeit aufzuopfern. Dabei hat er noch hochansteckende Pestkranke gepflegt, engsten körperlichen Kontakt mit ihnen gehabt und auf dem Rücken ins Hospital geschleppt. Durch solche heroischen Akte überwand er seine Leidenschaften und ungeordneten Triebe. Es tut uns wahrhaft allen Not, von diesem tapferen Heiligen zu lernen. Haben wir den Mut uns der geistig-moralischen Entartung unserer Tage bewusst zu widersetzen, wie er es tat? Haben wir den Mut unsere ungeordneten Leidenschaften abzutöten, indem wir ansteckende, stinkende Kranke berühren und herumtragen? Heiliger Aloisius bitte für uns und erwirke uns etwas von Deinem Mut und von Deiner Heiligkeit. Bitte für uns alle, für Priester und Laien, damit wir von Dir lernen dem Zeitgeist zu widerstehen und unsere Sündhaftigkeit zu überwinden – wir alle haben es bitter nötig!