Warum die "außerordentliche Form"

 

 

 

UNSER ANLIEGEN -- WARUM DIE ALTE MESSFORM ?

 

(von Joachim Specht)

Allen Ausführungen möchte ich vorausschicken, daß wir uns nicht über andere erheben wollen und niemanden verachten oder ausgrenzen. Jedermann, welchem Ritus innerhalb der katholischen Kirche, welcher christlichen Konfession oder welcher Religion er auch immer angehört, begegnen wir in Respekt und christlicher Liebe. Jeder Mensch ist Gottes Ebenbild und unser Bruder in Christus und jeder Mensch wird von Gott gleich geliebt – auch unser größter Feind. 

 

Seit nunmehr 30 Jahren bemühen wir uns unter Anleitung eifriger Priester, im vorderpfälzischen Raum, die sogenannte „Alte Messe“ zu feiern und zu erhalten. Wir wurden – und werden – dabei vielfach angefeindet, beleidigt u. vertrieben. Unser erster Seelsorger Pfarrer Raymond Arnette musste deshalb sogar von seinem Platz in Frankenthal-Mörsch weichen und 8 Jahre lang, bis ins Greisenalter, für jede Messe 33 Kilometer weit nach Einselthum fahren. Ebenso ging es vielen Gläubigen und es ist nicht annährend zu berechnen, wieviel Benzin sie verbraucht haben, nur um die Gottesdienste in der traditionellen Weise feiern zu können. Dennoch haben wir alle gemeinsam treu an dieser Messform festgehalten und das Verdienst erworben, sie bewahrt und in unsere Zeit herübergerettet zu haben, wie es der H.H. Generalvikar Dr. Norbert Weis bei einer unserer Messen in Dirmstein so schön formulierte. Trotzdem war und ist (immer noch) Bekennermut dazu erforderlich, sowohl seitens der Gläubigen, als auch der Zelebranten. Abbe Arnette sagte nicht umsonst oftmals, wir würden zu jenen gehören, von denen es in der Apokalypse heiße, sie kommen „aus der großen Drangsal"; während es Papst Benedikt XVI. (damals noch Kard. Ratzinger), 1996 in seinem Buch "Salz der Erde" zwar etwas nüchterner aber nicht weniger zutreffend beschreibt (Seiten 188 u. 189 ): "Leider ist bei uns die Toleranz für abenteuerliche Spielereien fast unbegrenzt, die Toleranz dagegen für die alte Liturgie praktisch inexistent. Es ist überhaupt nicht einzusehen, was daran gefährlich oder unannehmbar sein sollte. Eine Gemeinschaft die das, was ihr bisher das Heiligste und Höchste war, plötzlich als strikt verboten  erklärt und das Verlangen danach geradezu als unanständig erscheinen läßt, stellt  sich selbst in  Frage. Denn was soll man ihr eigentlich noch glauben? Wird sie nicht morgen wieder verbieten was sie heute vorschreibt?"    

 

Warum nehmen wir das alles auf uns? Wir wollen nur das bewahren und versuchen nur das weiterzugeben, was in uns selbst grundgelegt wurde und wir für richtig erkannt haben. Das taten auch die Menschen vor uns und wir stehen am Ende einer langen Kette, die bis zu Christus zurückreicht. Auf uns kommt es nun an, ob das fortleben wird oder in unserer verwirrten Zeit untergeht. Jeder von uns hat seine eigene Lebensgeschichte und Lebenserfahrung. Heiligmäßige und vorbildliche Priester, die von dem überzeugt waren, was sie verkündeten und die das vorlebten was sie predigten, haben in uns den Glauben grundgelegt. Bei mir war es insbesondere der H. H. Stadtpfarrer Theodor Joachim Nauerz, von Grünstadt. Er steht hier exemplarisch für viele ähnliche Menschen, durch die wir alle geprägt wurden. Dieser wahrhaft authentische Priester wird mir stets Vorbild bleiben und fast ein halbes Jahrhundert hindurch war er mein Seelsorger, Vertrauter und priesterlicher Freund. Er persönlich lehrte mich, was ich nun an mein Kind und meine Umgebung versuche weiterzugeben. All diese Dinge lernte ich in meiner Kindheit und meiner Jugend, bejahte sie innerlich und konnte sie nachvollziehen. So ist es wohl den meisten Gläubigen gegangen, die der alten Liturgie und der außerordentlichen Form des lateinischen Ritus anhängen. Sie sind es von vorbildlichen Menschen so gelehrt worden, haben diesen Glauben bejaht, angenommen, möchten ihn um keinen Preis der Welt aufgeben und versuchen ihn an die nächsten Generationen weiterzugeben; trotz der augenscheinlichen "Umkehr aller Werte", wie es ein namhafter Philosoph formulierte. Nicht aus Renitenz, Verbohrtheit oder Böswilligkeit, sondern weil sie es als eine heilige Gewissenspflicht ansehen, die sie nicht aufgeben können, ohne ihrem Glauben und sich selbst untreu zu werden.  

 

Die Heilige Messe ist das Kernstück des öffentlichen Kultes der katholischen Kirche. In ihr vollzieht sich eine überirdische Realität, nämlich das Kreuzesopfer, das Christus auf Golgatha darbrachte. Wir hatten nicht die Gnade damals dabei zu sein, die wenigsten Menschen hatten sie. Deshalb setzt Gott dieses Geschehen in jeder Hl. Messe gegenwärtig, damit auch wir es – sakramental und unblutig – erleben dürfen. Erinnern wir uns also stets hinsichtlich unseres Benehmens und unserer inneren Haltung:  Wir stehen in der Messe mit Johannes und Maria unter dem Kreuz, an dem Christus hängt, mit dem Tod ringt und sich dem Vater für unsere Sünden aufopfert. Wenn wir dieses grundlegende Geschehen begriffen haben versteht sich alles andere von selbst. Wir erleben sakramental Tod und Auferstehung Christi und dürfen uns in der Hl. Kommunion mit ihm – unserem Schöpfer – vereinigen. 

 St. Pius X. bei der Hl. Messe 

 

Alle Gebete und Gesten in der außerordentlichen oder alten Form der Messe haben ihre tiefe Bedeutung. Über Jahrhunderte haben sie sich organisch entwickelt. Sie sprechen alle Sinne des Menschen an. Im KZ haben inhaftierte Priester die Hl. Messe gefeiert, indem sie ein Stückchen Lagerbrot und ein Schlückchen Wein in einer Blechdose aufopferten, die Wandlungsworte darüber sprachen und sofort konsumierten, ohne alle weiteren Teile der Hl. Messe. Das ist in dieser Notsituation natürlich völlig gültig und theologisch ausreichend. Der dauerhafte öffentliche Kult der Kirche soll jedoch über diese absolut notwenigen Basis-Handlungen zum Vollzug des Messopfers hinausgehen, soll den Glauben der Kirche in diesem erhabensten Geheimnis in feierlichster Form ausdrücken, entfalten und „zelebrieren“, so wie man auch in profanen Bereichen ein Fest „zelebriert“. Liturgische Gewänder, Farben, Symbole, Gesten, Gebete, Weihrauch, Kerzen, Gesänge und Orgelklang fügen sich bei der Feier der Liturgie ineinander. Die Kirche hat diese einzelnen Stücke im Laufe der Jahrtausende festgelegt und Generationen und Abergenerationen von Menschen sind darüberhin zu Gott gepilgert. Das Konzil von Trient definierte nach den Wirren der Reformation  jene, aus dem römischen Urchristentum heraus entwickelte Messform nochmals genau und publizierte sie in Form seines neuen Messbuches, das bis 1968 in Kraft blieb. Daher kommt der Begriff "tridentinische Messe", eigentlich irreführend, da diese Messfeier ja weitaus älter ist als das Konzil von Trient (dessen Sitzungsort übrigens auf Vorschlag des Speyerer Bischofs Philipp von Flersheim gewählt wurde). Alle anderen Messriten die damals schon auf ein Alter von mindestens 200 Jahren zurückblicken konnten, blieben laut Konzilsbeschluß daneben weiterhin frei erlaubt. So gelangte die „alte Messe“ bis ins Jahr 1968 und wurde plötzlich verboten und durch eine neue Messe ersetzt, obwohl das kurz voher beendete II. Vatikanische Konzil davon gar nichts gesagt hatte. Dort forderte man lediglich, der Volkssprache etwas mehr Raum zu geben und ansonsten das für die weltweite Kirche unverzichtbare Latein beizubehalten bzw. Sorge dafür zu tragen, daß es von Gläubigen und Priestern gepflegt werde. Wie es mit dieser Konzilsforderung steht, weiß jeder Katholik unserer Tage und ich brauche es hier nicht weiter auszuführen. Was wir heute in der Liturgie erleben, hätten die Väter des II. Vatikanischen Konzils entrüstet abgelehnt und scharf verurteilt. Auch die Zelebration zum Volk wurde auf dem II. Vatikanum nicht beschlossen, nicht einmal die Liturgiereform von 1968 schreibt sie vor, sondern sie erlaubt sie nur, neben der normalen Form, der Ausrichtung  zum Altar hin. Aus der „Möglichkeit“ wurde förmlich ein Zwang, der die reguläre Ausrichtung des Priesters bei der Messe verdrängt hat. Aus der neuen Messe von 1968 wurden  viele sinnfällige, wertvolle Gebete und Gesten entfernt und, so wie sie heute in den Gemeinden fast überall gefeiert wird, erkennt man nur schwerlich die Liturgie wieder, aus der sie sich entwickelte, die sie eigentlich fortsetzen sollte und die allezeit die Liturgie des lateinischen Ritus in der katholischen Kirche war. Papst Benedikt XVI. sagt 1996 in seinem Buch "Salz der Erde" darüber: "In unserer Liturgiereform gibt es eine Tendenz, nämlich die völlige 'Inkulturation' der Liturgie in die moderne Welt hinein. Sie soll also noch kürzer werden und es soll alles, was vermeintlich unverständlich ist daraus entfernt werden; es soll im Grunde einfach auf eine noch 'plattere' Sprache heruntertransponiert werden. Damit ist aber das Wesen von Liturgie ganz gründlich mißverstanden. Denn in der Liturgie begreift man ja nicht auf rationale Weise, so wie ich etwa einen Vortrag verstehe, sondern auf vielfältige Weise, mit allen Sinnen und mit dem Hineingenommenwerden in eine Feier, die nicht von irgendeiner Kommission erfunden wurde, sondern die gleichsam aus der Tiefe der Jahrtausende und letztlich aus der Ewigkeit her zu uns kommt. Es liegt eine bestimmte Art von gemeinsamer Lebensform in den Riten, in denen es nicht auf die pure Oberflächenverständlichkeit ankommt, sondern in denen sich die große Kontinuität der Glaubensgeschichte aussagt. Der Priester ist kein Showmaster, der sich etwas ausdenkt und es geschickt vermittelt. Natürlich gehört zur Liturgie auch Verständlichkeit, weswegen das Wort Gottes darin gut verlesen und dann gut interpretiert und ausgelegt werden muß. Aber zur Verständlichkeit des Wortes kommen hier noch andere Weisen des Verstehens. Vor allem ist Liturgie nicht etwas, was sich immer wieder neue Kommissionen ausdenken. Auf diese Weise wird sie zu einer "gemachten" Sache, ob diese Kommissionen dann in Rom, in Trier oder in Paris sitzen. Liturgie muß stattdessen ihre große Kontinuität haben, ihre letzte Unbeliebigkeit, in der ich wirklich den Jahrtausenden und durch sie der Ewigkeit begegne und in eine Feiergemeinschaft hineingehoben werde die etwas völlig anderes ist, als was Komitees oder Ausschüsse sich ausdenken. " Noch deutlicher wird er 1997, in seinen Memoiren "Aus meinem Leben": „Man brach das alte Gebäude ab und baute ein anderes, freilich weitgehend aus dem Material des bisherigen und auch unter Verwendung der alten Baupläne....; aber daß man es als Neubau gegen die gewachsene Geschichte stellte, diese verbot und damit Liturgie nicht mehr als lebendiges Wachsen, sondern als Produkt gelehrter Arbeit und von juristischer Kompetenz erscheinen ließ, das hat uns sehr geschadet. Ich bin überzeugt, daß die Kirchenkrise die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht, die mitunter sogar so konzipiert wird, daß es ihr gar nicht mehr darauf ankommt, ob es Gott gibt und ob er uns anredet oder anhört.“  

  

Mit Letzterem hat der Hl. Vater das Hauptproblem angesprochen und genau darum geht es uns mit unserer „alten Messe“. Wir wollen Gott wieder in den Mittelpunkt der Liturgie rücken, nicht die Gemeinde. Wir wollen Gott feiern und nicht uns als Gemeinde. Wir wollen Gott die Ehre geben, indem wir uns beim Kommunionempfang anbetend knien und mit dem Mund kommunizieren. Wir wollen durch ehrwürdige Gesänge – in Deutsch und Latein –, durch farbenprächtige Gewänder, durch sinnfällige Gesten und Gebete, durch eine liturgische Sprache die sich schon äußerlich von der Umgangssprache unterscheidet, eine sakrale Atmosphäre schaffen, wo es jedem Teilnehmer sofort klar wird, er ist in einen anderen Raum in eine andere Dimension eingetreten. In der feierlichen Liturgie der Kirche müssen wir das Mysterium, die Begegnung mit Gott neu entdecken. Daran kranken Kirche und Gesellschaft – die Gegenwart Gottes muß uns allen wieder stärker bewusst und spürbar werden. 

 

Deshalb hat der Papst auch das Motu Proprio „Summorum Pontificium“ erlassen, durch das er die gewachsene „alte Messe“ als „außerordentliche Form des lateinischen Ritus“ ebenbürtig neben die neue von 1968 stellt und damit die traditionelle Frömmigkeit in der Liturgie wieder aufleben lassen möchte.

 

Es ist auf dieser Seite nicht der Raum, jedes Detail, jedes Gebet und jede Symbolik der „alten Messe“ zu erklären, das wäre buchfüllend. Auf unserer Unterseite "Fragen über Fragen ..."  ist manches erklärt. Es gibt zur Vertiefung dieser Kenntnisse jedoch einige gute, neuere Veröffentlichungen, wobei das Büchlein „Zum Altare Gottes will ich treten – Die Messe in ihren Riten erklärt“ von Pater Martin Ramm FSSP sicher eines der besten ist.

Unter diesem Link kann man es komplett online einsehen, lesen  und studieren:

Zum Altare Gottes will ich treten - Die Messe in ihren Riten erklärt

 

Nachstehend ist es abgebildet und kann kostenlos bestellt werden bei:

Priesterbruderschaft St. Petrus, Kapellenweg 5, 88145 Wigratzbad, Tel. 08385/1625.